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✦ Kapitel 1 ✦
Die Gewitter der Nacht hatten sich mitsamt dem Sturm verzogen, und der Mittwoch begann wie ein ganz normaler Morgen im Sonnenholzweg.
Die Vögel starteten ihr Konzert kurz vor halb fünf, während sich die Sonne gemächlich ihren Weg durch den grauen Himmel bahnte. Zaghaft wagten sich erste Bienen und Schmetterlinge hervor, und die Blüten öffneten sich dem neuen Tag entgegen. Hier und da verirrte sich eine Fliege in die Küchen der Bewohner und begann zu nerven.
In diesem Moment wurde Karl Janssen wach.
Er lag auf der linken Seite. Wie jeden Morgen drehte er sich schlaftrunken um. Seine Hand suchte nach Helga. Doch seit einem Jahr griff er ins Leere.
Im ersten benommenen Moment verstand er nicht, dann fiel es ihm wieder ein.
Ein Jahr.
Der Schmerz in seiner Brust drückte ihn tiefer in die Matratze. Hilflos schloss er die Augen wieder. Die Schwere, die sich über ihn legte, nahm ihm beinahe den Atem.
365 Tage.
Er verharrte einen Moment. Ein Teil von ihm hoffte noch immer, es sei nur ein schlechter Traum.
Doch es war keiner.
Es war sein Leben.
Wie an jedem Morgen begann er zu zählen. Doch heute bestätigte sich, was er längst wusste:
Es war der Tag.
Der erste Todestag seiner Helga.
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✦ Kapitel 2 ✦
Automatisch wanderte sein Blick zu dem Hochzeitsfoto an der Wand. Helga lachte ihm entgegen. Voller Freude. Ihre hellgrünen Augen strahlten vor Liebe und Glück. Das lange, schwarze Haar fiel in sanften Wellen über ihre Schultern und bildete einen wunderschönen Kontrast zu dem weißen Brautkleid, das sie trug.
Irgendwo auf dem Dachboden gab es eine Kiste, darin lag das Kleid sicher aufbewahrt, als ein Zeugnis ihrer tiefen Verbindung.
Ein Stück vergilbter Stoff war noch da. Er konnte es jederzeit ansehen. Berühren. Den Duft der Vergangenheit kosten. Sich erinnern an den glücklichsten Tag seines Lebens.
Doch seine Helga war fort.
Oh Helga, mein Schatz.
Karl spürte, wie die Tränen in ihm aufstiegen. Ein Brennen legte sich auf seine Augen, sein Brustkorb begann zu beben.
Männer weinen nicht.
Fest presste er die Kiefer zusammen und räusperte sich. Ein Ruck ging durch seinen Körper, dann zwang er sich aufzustehen.
Es war Mittwoch und mittwochs räumte er die Garage auf.
Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
Er wusste, Helga hätte ihm das ausgeredet.
Doch seit ihrem Tod gab ihm die Struktur Halt. Der feste Wochenplan, die kleinen Regeln, sie hielten ihn aufrecht und auch dieses Datum würde daran nichts ändern.
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✦ Kapitel 3 ✦
Nachdem er sich im Bad fertig gemacht und angezogen hatte, ging Karl nach unten in die Küche und bereitete sein Frühstück vor.
Als Erstes füllte er den Wasserkocher und schaltete ihn ein.
Die knallrote Kaffeemaschine stand in der Ecke.
Helga hatte sich so gefreut, als sie sie gekauft hatten. „Die Farbe verleiht unserer Küche einen modernen Touch“, hatte sie gesagt.
Für einen Moment glaubte er, ihr Lachen zu hören.
Sofort schob er die Erinnerung beiseite und wandte sich ab. Nie wieder würde er diese Maschine benutzen.
Wenn Besucher fragten, sagte er, dass sich eine Kaffeemaschine für ihn allein nicht rentierte.
Doch die Wahrheit war eine andere.
Die Erinnerung an Helga, an ihre Freude, war zu schwer.
Tief ausatmend öffnete er den Schrank und holte die Dose Instant-Kaffee heraus. Zwei gehäufte Löffel gab er in seine Tasse.
Das Wasser begann zu kochen. Sekunden später erklang das leise Klicken.
Er goss das Wasser auf das Pulver und wartete, wie es sich langsam auflöste.
Währenddessen schnitt er sich eine Scheibe Brot ab, strich Butter darauf und belegte sie mit Schinken.
Routiniert stellte er Butter und Wurst zurück in den Kühlschrank.
Dann nahm er sein Frühstück und setzte sich an den Tisch. Nach Helgas Tod hatte er ihn an das Fenster geschoben. Von hier aus konnte er die ganze Straße überblicken.
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✦ Kapitel 4 ✦
Während er frühstückte, sah Karl aus dem Fenster.
Gegenüber, im Haus der Lorenz, kehrte in diesem Moment Leben ein. Im oberen Stockwerk gingen die ersten Lichter an.
Er warf einen Blick auf die Wanduhr über der Tür. 6:00 Uhr.
Andreas Familie lag genau im Zeitplan.
Zufrieden nahm er einen Schluck aus seiner Tasse, bevor sein Blick zum nächsten Haus wanderte. Dort war alles dunkel.
Still.
Das passte nicht zu Hannah Klein. Normalerweise ging sie vor dem Frühstück eine Runde laufen und stellte mittwochs als Erste die Mülltonne nach draußen.
Doch seit einigen Tagen fiel ihr Frühsport aus.
Karl runzelte die Stirn.
Da stimmt etwas nicht.
Er schloss die Augen. Für einen Moment glaubte er, Helga neben sich sitzen zu sehen. Sie schüttelte missbilligend den Kopf und sah ihn vorwurfsvoll an.
Schnell öffnete er die Augen wieder.
Später, beschloss er, würde er nach Hannah sehen.
Gerade wollte er aufstehen, als ein dunkelgrauer BMW mit heulendem Motor an seinem Fenster vorbeischoss.
Viel zu schnell.
Kurz kam der Wagen von der Straße ab und fuhr über den Rasen vor seinem Haus. Die Reifen hinterließen tiefe Spuren in der Erde.
Karl hielt die Luft an. Für einen Moment konnte er nicht reagieren. Dann kam die Wut.
„Blöder Idiot“, schimpfte er und sprang auf. Der Stuhl schabte laut über den Boden. „Wie kann man nur so rücksichtslos sein?“ Mit zittrigen Händen nahm er Tasse und Teller und ging zur Spüle. „Aber was ärgere ich mich überhaupt“, murmelte er. „Von den Königs kann man ja nichts anderes erwarten.“ Das Geschirr landete klirrend im Spülbecken. Er starrte auf das Porzellan.
Helga hätte ihn für diesen Ausbruch geschimpft. Sie mochte es nicht, wenn er die Kontrolle verlor.
Seine Schultern sanken. Langsam atmete er aus. „Bitte entschuldige.“
Plötzlich fühlte sich das Haus enger an als zuvor. Er musste hinaus.
Es war Zeit, sich um den Tag zu kümmern.
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