Stärke. Tiefe. Geschichten, die bleiben.

 
✦ Kapitel 1 ✦
 
Die Nacht hatte den Sonnenholzweg in eine kühle Ruhe gehüllt, und selbst der Freitag schien Mühe zu haben, sie zu vertreiben. Die ersten Sonnenstrahlen kämpften sich durch die Wolkendecke und tauchten die Straße in blasses Licht. Die Vögel ließen sich davon allerdings nicht stören. Fröhlich stimmten sie ihr morgendliches Konzert an.
Stöhnend zog Hannah die Decke über den Kopf und drückte sich tiefer in die Matratze. Die Morgenübelkeit meldete sich bereits. Langsam kroch sie ihre Kehle hinauf und hinterließ einen bitteren Geschmack auf ihrer Zunge.
„Oh nein“, jammerte sie und rollte sich auf die Seite. Ungewollte Tränen kullerten über ihre Wangen. Schniefend atmete sie ein und versuchte, nicht an den bevorstehenden Termin zu denken.
Als plötzlich ihr Handy auf dem Nachttisch klingelte, schien Hannahs Herz für einen Schlag auszusetzen. Dann begann es zu rasen, während sie erstarrte. Sie musste nicht auf das Display sehen, um zu wissen, wer sie anrief.
Es war Mark.
Sie hatte seine Anrufe gestern schon ignoriert. Natürlich machte er sich Sorgen.
Fest presste Hannah die Lippen zusammen und schlang die Arme um ihre Knie.
Nein, sie konnte nicht mit ihm sprechen.
Noch nicht.
In einigen Stunden würde sie mehr wissen. Dann konnte sie vielleicht endlich eine Entscheidung treffen.
Unwillkürlich schlang sie die Arme fester um ihre Knie.
Denn die Wahrheit war: Sie wusste nicht, welche Entscheidung sie treffen sollte.
 
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✦ Kapitel 2 ✦
 
Eine Stunde später ging Hannah in die Küche. Der pinke Hosenanzug war faltenfrei, das Make-up sorgfältig aufgetragen. Wenigstens äußerlich hatte sie alles unter Kontrolle. Seufzend füllte sie den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Während sie darauf wartete, dass das Wasser kochte, wanderte ihr Blick sehnsüchtig zum Kaffeevollautomaten. Es war erstaunlich, wie sehr ihr bereits zwei Tage Abstinenz zu schaffen machten. Noch schwerer fiel ihr allerdings der Verzicht auf das Glas Rotwein am Abend, wenn sie mit Andrea telefonierte.
Erneut klingelte ihr Handy, das neben ihr auf der Arbeitsplatte lag.
Verdammt.
Das Wasser im Wasserkocher begann zu sprudeln.
Mit zittrigen Fingern nahm sie das Handy in die Hand und starrte wie gebannt auf das Display.
Annehmen oder abweisen?
Marks Name sprang ihr förmlich entgegen. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete langsam ein und aus. Der Wasserkocher, die Vögel vor dem Fenster, alles trat in den Hintergrund. Die Welt wurde still.
Jedes Gespräch mit ihm fühlte sich zurzeit wie ein Tanz am Abgrund an. Eine falsche Bewegung, ein unbedachtes Wort, und sie würde fallen.
Zum ersten Mal war Hannah froh, dass mehrere Tausend Kilometer zwischen ihnen lagen und sich daran vorerst nichts ändern würde.
 
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✦ Kapitel 3 ✦
 
Mit angehaltenem Atem starrte sie auf ihr Smartphone, dessen Klingeln immer schriller zu werden schien. Im Hintergrund begann das Wasser im Wasserkocher zu sieden.
Sie schloss die Augen. Ihre Finger verselbstständigten sich, und plötzlich spürte sie das kühle Glas des Displays an ihrer Wange.
„Hannah, verdammt. Was zum Teufel ist los?“ Marks Stimme prasselte auf sie nieder wie ein Regen aus spitzen Kieselsteinen. Jeder Ton, jede Silbe schmerzte.
Ihr Herz zog sich zusammen, und sie glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. „Ich habe viel zu tun“, brachte sie mühsam hervor. Sie öffnete die Augen und richtete sich auf. „Es tut mir leid. Die Arbeit.“
„Das ist alles?“ Das Misstrauen in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Ja. Mein Terminkalender ist voll, und es sind einige komplizierte Fälle dabei.“
„Die junge Familie?“
Seine Bemerkung ließ sie schmunzeln. Er hörte ihr wirklich immer zu. „Ja, unter anderem.“
„Dann war das Reel mit dieser Influencerin wohl eine willkommene Abwechslung.“ Nun klang er amüsiert. „Du siehst darin allerdings sehr blass aus. Aber das fällt vermutlich nur mir auf.“
Verdammt. 
Er kannte sie zu gut.
„Ach, dieses Reel. Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee war“, sagte sie und versuchte, von ihrer Blässe und dem Grund dafür abzulenken.
Er lachte auf. „Meine Schöne, du unterschätzt die Wirksamkeit von Social Media gewaltig. Ich wette mit dir, dass dein Arbeitgeber gerade gefeiert wird und bereits die ersten neuen Kunden gewonnen hat.“
Sie seufzte. „Wir werden sehen.“
Der Wasserkocher schaltete sich ab.
„Du, ich muss los. Wir hören uns später, ja?“
Hannah schluckte. „Ja, Großer.“
Er legte auf, und sie ließ das Smartphone in ihrer zitternden Hand sinken.
Wie lange würde sie die Wahrheit noch vor ihm verbergen können?
Doch zuerst musste sie den heutigen Arzttermin hinter sich bringen.
 
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✦ Kapitel 4 ✦
 
Das Telefonat mit Mark hatte Hannah durchgeschüttelt und wirkte noch in ihr nach, als sie das Haus verließ. Der Wind strich ihr kühl um die Beine, und sie drückte die Tasche fest gegen ihre Brust. Der heutige Tag würde noch schwer genug werden.
„Guten Morgen“, rief Andrea ihr von der anderen Seite des Sonnenholzweges entgegen. Sie hob gerade Annie ins Auto. „Ich bin gleich wieder da“, sagte sie zu ihrer Tochter, ließ die hintere Autotür offen und kam auf Hannah zu.
Nein.
Hannahs Puls beschleunigte sich.
„Du bist ja seit Tagen schwer beschäftigt“, begann Andrea.
„Ja, die Arbeit“, antwortete Hannah und versuchte zu lächeln.
Andrea nickte, doch die Art, wie sie Hannah musterte, verursachte ihr eine Gänsehaut. Es erinnerte sie an Martins Blick vor ein paar Tagen, als sie sich in der Stadt begegnet waren.
Natürlich hatten die beiden geredet.
Andrea und Martin hatten keine Geheimnisse voreinander.
So wie sie und Mark sich eigentlich alles erzählten.
Schnell warf Hannah einen Blick auf die Uhr. „Musst du nicht los? Freitags musst du doch immer früher bei deiner Patientin sein.“
Andrea stockte kurz und legte die Stirn in Falten. „Äh … ja. Du wimmelst mich ab.“
Ein Auto näherte sich.
Für einen Moment blickte Hannah in den Himmel und atmete tief durch.
Der Wagen hielt an. Es war Sabrina König, wie immer perfekt gestylt und mit einer übergroßen Sonnenbrille auf der Nase. Ein leises Surren verkündete, dass sie das Beifahrerfenster herunterließ.
„Bitte entschuldige“, sagte Hannah zu Andrea. „Ich habe heute wichtige Termine.“
Sabrina lachte auf, ein bissiger Laut. „Das kann ich mir vorstellen. Bist du jetzt der neue Star der Bank? Ich dachte, du kannst Liana nicht leiden!“
Hannah rollte mit den Augen. „Das Video war nicht meine Idee.“
„Tz … Erzähl das, wem du willst. Mir kannst du nichts vormachen. Doch dein Plan ging nicht ganz auf. Während das Video mit mir viral ging, hängt deines bei ein paar Zehntausend Aufrufen fest. Kommt wohl doch auf die Ausstrahlung an. Du solltest mehr Make-up tragen. So blass siehst du aus wie eine Leiche. Das kommt nicht gut an.“
Hannah spürte eine Mischung aus Wut und Erschöpfung. „Na ja, die Leute lieben eben Clowns, über die sie lachen können“, antwortete sie und drehte sich demonstrativ Andrea zu. „Ich muss los. Wir telefonieren.“
Andrea nickte. „Okay.“ Ihr besorgter Blick blieb dennoch an Hannah hängen.
Sie spürte ihn noch im Rücken, als sie sich von den beiden löste und zu ihrem Auto ging.
 
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✦ Kapitel 5 ✦
 
Die Fahrt zur Kronberg Privatbank war wie ein Tunnel. Hannah nahm von der Umgebung und dem Verkehr kaum etwas wahr. Bremsen, blinken, abbiegen, alles führte sie mechanisch aus. Sie war wie auf Autopilot.
Wie sollte sie nur aus dieser Situation herauskommen?
Wie sollte sie Mark die Wahrheit sagen?
Wie sollte sie sich entscheiden?
Als sie die Tür aufstieß, die vom Treppenhaus in die Bank führte, wurde sie überschwänglich begrüßt.
„Guten Morgen, Hannah. Der Star des Morgens.“
Einer ihrer Kollegen klopfte ihr auf die Schulter.
„Heute früh haben bereits mehrere Leute angerufen, die wegen des Reels eine Beratung bei uns möchten. Und es ist noch nicht einmal halb neun.“
Hannah lächelte, doch ihre Stimme versagte. Daher nickte sie nur und versuchte, ihren Kollegen zu entkommen. Doch ohne Erfolg. Auf der Treppe blieb Niklas stehen und wartete, bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte.
„Morgen. Na, zufrieden mit deinem Internetauftritt?“ Seine Stimme hatte einen spitzen Ton angenommen.
Genervt rollte Hannah mit den Augen und stieß hart die Luft aus, während sie gemeinsam auf die Büros zumarschierten. „Was habt ihr alle nur mit diesem verfluchten Reel?“
Niklas blieb stehen. „Das Video hat noch nicht einmal seinen Peak erreicht, und die Telefone laufen bereits heiß.“
In diesem Moment tauchte Kathi Maier, Hannahs Sekretärin, hinter ihnen auf. „Das stimmt. Es gibt bei den Kollegen heute Morgen kein anderes Thema.“
Nur weil sie die Wahrheit nicht kennen, schoss es Hannah durch den Kopf. Sie presste die Lippen fest zusammen, damit der Gedanke genau das blieb: ein Gedanke.
„Also, ich bin ja ein Fan von Liana und Jonas“, gab Kathi kleinlaut zu. „Hast du schon über ihren Kredit entschieden?“ Sie machte eine kurze Pause. „Wird noch einmal ein Reel bei uns gedreht, wenn sie die Zusage erhalten?“
Kathis Begeisterung drehte Hannah den Magen um. „Das weiß ich nicht“, platzte es aus ihr heraus. „Herrgott, gibt es noch etwas anderes als Internet und Influencer?“
Niklas und Kathi sahen sie überrascht an.
„Heute mit dem falschen Fuß aufgestanden?“, fragte Kathi vorsichtig.
„Die Beförderung hat dir jedenfalls nicht gutgetan. Du solltest mehr lächeln“, stichelte Niklas. „Aber zurück zum Kredit der Glasers. Den bekommen sie doch, gar keine Frage. Zudem ist das kostenlose Werbung für die Bank.“
„Und die Zahlen?“, herrschte Hannah ihn an. „Sie sehen gut aus. Aber was, wenn das Risiko dennoch nicht vollständig abgedeckt ist?“
Niklas schwieg.
„Dachte ich mir.“ Sie ließ die beiden stehen und ging weiter. Sie hatte recht, und Niklas wusste das. Trotzdem blieb seine Bemerkung über ihre Beförderung an ihr hängen.
Kaum merklich schüttelte Hannah den Kopf. Sie musste sich auf die Schmids konzentrieren. Mit etwas Glück hatte Kronberg am Vormittag Zeit für ein Gespräch über die mögliche Umschuldung. Für die Familie stand zu viel auf dem Spiel.
Mit schnellen Schritten eilte sie den Flur entlang und drückte die Klinke zu ihrem Büro hinunter.
 
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