Stärke. Tiefe. Geschichten, die bleiben.

✦ Kapitel 1✦


Der Donnerstagmorgen begann mit leichtem Regen. Graue Wolken tauchten den Sonnenholzweg in ein trübes Licht. Ein kühler Wind trieb einige Blätter vor sich her, und ein Schwarm von fünf Amseln segelte durch die Luft, begleitet vom lauten Gezwitscher der übrigen Bewohner der Baumkronen.
Jonas Glaser stand am gekippten Fenster des Schlafzimmers und starrte auf die Straße hinunter. Eine kühle Brise traf ihn im Gesicht, und er atmete tief durch.
Er zählte.
Eins.
Zwei.
Drei.
Im nächsten Moment begann der morgendliche Tumult. Die Kinder der Nachbarschaft stürmten scheinbar alle gleichzeitig aus den Häusern. Schreiend und lachend bahnten sie sich ihren Weg zur Bushaltestelle, während die Erwachsenen sich mit deutlich weniger freudigen Mienen auf den Weg zur Arbeit machten.
Noch ungefähr fünfundvierzig Minuten, dann würde endlich Ruhe einkehren.
Wobei das Wort Ruhe für den Sonnenholzweg übertrieben war. In dieser Straße war es nie still. Ständig hörte man irgendwelches Getier oder die Nachbarn. Nein, mit Ruhe hatte dieser Zustand wenig zu tun.
Aber es war die beste Zeit, die Jonas und Liana hatten, um ihre Videos weitgehend ungestört aufzunehmen.
Seine Schläfen begannen schmerzhaft zu pochen.
Er sah zum Himmel.
Das Licht war zu grau, zu dunkel.
Schon jetzt wusste er, dass perfekte Aufnahmen heute vergebliche Liebesmüh sein würden.

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✦ Kapitel 2 ✦


Das Vibrieren seines Smartphones in der Hosentasche holte ihn aus seinen Gedanken. Fast wie eine Warnung vor einem Sturm. Er erstarrte, verharrte regungslos für einige Zeit, während sein Herzschlag in seinen Ohren dröhnte.
Nein, er wollte nicht nachsehen, welche Nachricht ihn erreicht hatte.
Doch davor fliehen konnte er auch nicht.
Schließlich stieß er zischend seinen Atem aus und zog widerwillig das Gerät heraus. Mit einer Bewegung entsperrte er es. Das Dröhnen in seinen Ohren wurde lauter und die Welt schien zu verschwinden.
Eine E-Mail von Südblick Media prangte auf dem Display. Drohend und unausweichlich.
„Fuck.“
Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und presste die Kiefer zusammen. Sein ganzer Körper spannte sich an, als er zu lesen begann.

Betreff: Performance‑Update KW 27 – Bitte um kurzfristige Maßnahmen

Hallo Liana, hallo Jonas,

ich habe mir die Insights der letzten zehn Tage angesehen und möchte euch ein kurzes Update geben.
Die Reichweite eurer letzten fünf Reels ist im Durchschnitt um 18,4 % gefallen. Besonders auffällig ist der Rückgang der Retention-Rate im ersten Drittel der Videos. Auch die Engagement‑Rate liegt aktuell unter dem für eure Kooperationen vereinbarten Mindestwert.
Ich möchte euch daher bitten, bis Freitagmittag frischen Content rund um eure neue Location zu liefern: ein neues Morning-Routine-/Calm-Living-Reel, authentisch wirkende Einblicke hinter die Kulissen und mehr Interaktion mit eurer Community. Bitte setzt dabei konsequent das neue Wording um.
Mehrere Follower haben auf euren letzten Post reagiert und die Veränderung der Umgebung kommentiert. Achtet deshalb bitte darauf, die neue Location stärker zu „framen“, ohne eure gewohnte Ästhetik zu verlieren.
Für Rückfragen stehe ich jederzeit zur Verfügung.

Liebe Grüße
Sarah (Winter)
Südblick Media – Creator Management

„Verdammte Scheiße!“, brüllte Jonas und schleuderte das Smartphone auf das Bett. Gleichzeitig trat er mit dem Fuß gegen den Dekotisch neben sich. Die Tischplatte wackelte gefährlich.
Er hatte das alles hier so satt.

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✦ Kapitel 3 ✦


Im nächsten Moment kam Liana aus dem Bad gestürmt, bereits gestylt für die Videoaufnahme. Verwirrt und zugleich besorgt sah sie ihn an. „Was ist los?“
Jonas funkelte sie zornig an.
Ihr perfekt gestyltes Gesicht. Die sorgfältig gelegten Haare. Das freundliche Influencer-Lächeln, das sie selbst jetzt noch trug. Als hätte sie es sich zusammen mit dem Make-up aufgetragen.
Für einen Sekundenbruchteil sagte keiner von ihnen etwas. Nur das leise Summen der Badezimmerlüftung füllte den Raum.
Lianas Blick glitt zu seinem Smartphone, dann zurück zu ihm. „Jonas?“
Er glaubte zu hören, wie etwas in seinem Inneren zerriss. Wut kochte in ihm auf, und seine Hände begannen zu beben. Er musste raus aus diesem Haus, weg von ihr. „Check deine E-Mails“, knurrte er und drängte sich grob an Liana vorbei. „Wir sind am Arsch. Das ist los.“
Von der Wucht seines Vorbeidrängens prallte Liana gegen die Wand. „Aua“, stieß sie aus.
Der Laut ließ ihn für eine flüchtige Sekunde aus dem Schritt geraten.
Scheiße. Das war ein Fehler.
Mit einem Ruck setzte er sich wieder in Bewegung.
„Du Arschloch“, rief sie ihm hinterher.
Er drehte sich nicht um, sondern hob nur die Hand und zeigte ihr den Mittelfinger. Seine Beine trugen ihn fast von allein aus dem Haus. Als die Tür hinter ihm zuschlug, spürte er den feinen, kalten Regen im Gesicht.

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✦ Kapitel 4 ✦


Jonas sah nicht zurück. Seine Beine trugen ihn immer schneller fort von Liana, dem Haus und der Agentur. Währenddessen überschlugen sich seine Gedanken und trieben seinen Puls weiter in die Höhe.
Er lief immer schneller den Sonnenholzweg entlang. Vorbei an den Häusern seiner Nachbarn, an Hecken und Gartenzäunen. Trotz der Kühle stand ihm der Schweiß auf der Stirn.
Wie viel Zeit verging, konnte Jonas nicht sagen. Er lief so lange, bis er die Welt hinter sich gelassen hatte und in den Wald eingetaucht war wie in einen schützenden Mantel.
Seine Lungen brannten von der Anstrengung. Er blieb stehen und stemmte die Hände auf die Oberschenkel. Mit tiefen Atemzügen versuchte er, seinen Körper zu beruhigen.
Er roch die feuchte Erde, das Moos, die Nadeln der Fichten und das nasse Holz. Automatisch sah er sich um. Weit und breit war niemand zu sehen.
Kein Mensch.
Kein Tier.
Nur er allein mit der Natur.
Was beinahe surreal wirkte.
Langsam richtete er sich wieder auf und fragte sich, wie er hierhergekommen war. In den Wald. In dieses Leben. In diese Situation.
Er war ein Stadtmensch.
Er liebte die Geräusche des Verkehrs, der nie stillstand.
Die unzähligen Möglichkeiten der Zerstreuung, die eine Stadt ihm Tag und Nacht bot.
„Fuck!“, brüllte er in die Einsamkeit und ließ sich sinken.
Warum zur Hölle hatte er zugestimmt, in dieses Kaff zu ziehen?
Natürlich kannte er die Antwort auf diese Frage.
Weil es bequemer war.
Weil er feige war.
Die Presse saß ihnen im Nacken, die Polizei stellte unangenehme Fragen, und deshalb drängte die Agentur auf einen Ortswechsel.
Da kam Lianas Erbschaft wie gerufen.
Er hatte keine andere Wahl gehabt.
Oder?

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✦ Kapitel 5 ✦


Jonas lachte auf, ein verzweifelter Laut, der ein paar Vögel in den Büschen aufschreckte. Selbst hier waren diese Viecher überall. Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht.
Es war alles so verrückt geworden.
Kopfschüttelnd ließ er seinen Blick schweifen.
Als er vor acht Jahren seinen Fitnesskanal gestartet hatte, trieben ihn Neugier und Spaß an. „Ich hatte den Leuten da draußen tatsächlich etwas zu sagen“, murmelte er.
Dass seine Videos einmal so durch die Decke gehen und Zehntausende Menschen erreichen würden, damit hatte er nie gerechnet. Alles ging so schnell. Ein paar Monate später meldete sich Südblick Media und gab ihm einen Vertrag.
Tief atmete er aus, während die Erinnerungen immer schneller durch seinen Kopf jagten.
Dann kam der Tag, als er Liana kennenlernte.
Er folgte ihrem Kanal bereits einige Monate, bevor sie sich das erste Mal begegneten. Ihre Tipps zu Selfcare und Mindful Productivity hatten ihn berührt. Einiges davon hatte er übernommen. Für eine Sekunde huschte ein Lächeln über seine Lippen und machte seine Gesichtszüge weicher.
Die Wahrheit war: Sie hatte ihn ab dem ersten Moment fasziniert.
Natürlich war es eine große Ehre, als die Agentur sie ihm vorgestellt und ihn zu einer Kooperation mit ihr gedrängt hatte. Für die Agentur war es die perfekte Lovestory, und dafür bekamen sie Millionen von Klicks.
„Doch was davon ist noch echt?“, murmelte er.
Wie auf Kommando wurde der Regen stärker. Dicke Tropfen fielen durch das Blätterdach auf seinen Kopf. Immer mehr, bis er das Gefühl hatte, unter einer Dusche zu stehen.
Seufzend setzte er sich wieder in Bewegung.
Anscheinend wollte selbst die Natur ihn nicht bei sich haben.

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✦ Kapitel 6 ✦


Er lief zurück in den Sonnenholzweg. Doch trotz des miserablen Wetters entschied er sich gegen den direkten Weg nach Hause. Stattdessen nahm er die längere Strecke, die ihn auf die andere Seite der Nachbarschaft führte.
Vorbei am Haus der Königs.
Diese Sabrina war wie eine Zecke, die sich seit Tagen an Liana festgebissen hatte.
Er konnte gar nicht sagen, was seine Frau an dieser Person fand. Warum sie diese ständigen Besuche überhaupt zuließ.
Das Haus daneben stach aus der perfektionierten Ordnung des Sonnenholzwegs hervor. Die Hortensie wucherte scheinbar ungebremst durch den Vorgarten.
Die Häuser gegenüber wirkten austauschbar, so wie das Haus von Hannah Klein oder das der Lorenz.
Als er am Haus des alten Janssen vorbeikam, trat dieser gerade mit einem Müllsack in der Hand aus der Tür. Fast wirkte es, als hätte er auf ihn gewartet.
Innerlich verkrampfte sich Jonas, und er beschleunigte.
„Etwas zu nass zum Joggen“, rief ihm der alte Griesgram lachend hinterher.
Jonas hörte nur eines daraus: Der Alte lachte über ihn.
Seine Kehle schnürte sich vor Wut zu. „Dann spare ich mir wenigstens das Duschen. Nachhaltigkeit und so“, schrie Jonas über die Schulter zurück.
Und ehe er sich versah, bog er nach rechts ab. Schneller als ihm lieb war, stand er wieder vor seinem Haus.
Na ja, eigentlich war es Lianas Haus.
Nicht seines.

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✦ Kapitel 7 ✦


Widerwillig ließ er die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Sofort hatte er das Gefühl, in der Falle zu sitzen.
In der Küche klapperte Liana mit dem Geschirr. Schuld flutete ihn, heiß und unangenehm. Für einen Moment sah er wieder, wie sie gegen die Wand geprallt war.
Den Blick gesenkt, folgte er dem Geräusch hinüber in die Küche.
Sie hatte bereits das Setting für das geplante Calm-Living-/Morning-Routine-Video vorbereitet. Der Raum war in weiches, warmes Licht getaucht. Der Esstisch war für das Frühstück gedeckt. Frische Brötchen, Marmelade – alles perfekt angerichtet. Natürlich durfte auch der Strauß frischer Blumen in der Mitte des Tisches nicht fehlen.
„Du tropfst den Teppich voll“, zischte Liana ihn an. Ihr Ton verriet, dass sie noch immer stinksauer war.
„Ich … ähm.“ Er wollte sich entschuldigen, doch dazu kam er gar nicht.
„Dank dir liegen wir jetzt zwei Stunden hinter dem Zeitplan. Und um 13:30 Uhr haben wir den Termin bei der Bank. Nur falls du das vergessen hast.“
Shit.
An den Termin bei der Bank hatte er tatsächlich nicht mehr gedacht.
Er räusperte sich.
„Ich geh schnell duschen. Gib mir fünf Minuten. Dann können wir loslegen.“

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