Stärke. Tiefe. Geschichten, die bleiben.

✦ Kapitel 1 ✦

Mit der Morgendämmerung erwachten die ersten Vögel in den Baumkronen und begrüßten das erste Licht des Tages mit fröhlichem Gezwitscher. Die Blätter an den Sträuchern raschelten wie die Bettdecken der Bewohner des Sonnenholzwegs, die nun zur Seite geworfen wurden. Ein neuer Tag stand an.
Ein neuer Montag.
Noch gehörte der Morgen ihr.
Die Ruhe des Morgens währte nur kurz im Hause der Familie Lorenz. Denn Lucy, Tom und Annie hatten es eilig, aus ihren Betten zu kommen. Ein Blinzeln später hörte sie das Umfallen einer Spielzeugkiste und gitarrenlastige Musik aus Toms Zimmer.
„Die Nacht ist vorbei“, brummte ihr Vater Martin und verschwand als Erster im Bad.
Mit einem dumpfen Schlag der Tür ins Schloss beanspruchte er es für die nächste halbe Stunde.
Den Kopf unter dem Kissen versteckt, seufzte Andrea auf.
„Mama!“, riefen die Kinder.
Der Lärm wurde immer lauter.
Nur noch fünf Minuten, dachte sie und wusste gleichzeitig, dass sie keine davon mehr hatte. Sie hörte die Schritte im Flur, die schnell näher kamen.
Mühsam kam sie auf die Beine, genau in dem Moment, als Annie, ihre jüngste Tochter, hereingeflitzt kam. In der Hand hielt sie ein silberfarbenes Täschchen.
Andrea blinzelte – und da stand auch schon Lucy in der Tür, mit einem Blick, als wolle sie töten.
„Annie“, sagte Andrea streng und zog die Augenbrauen hoch. Der Lockenkopf sah sie unschuldig an, wie es nur fünfjährige Mädchen können. „Gib Lucy ihre Schminke zurück.“
„Aber Mama“, protestierte die Kleine, und auf dem Gesicht von Lucy breitete sich ein triumphierendes Grinsen aus. Sie hielt ihre Hand auf.
„Annie“, wiederholte Andrea streng. „Wir hatten darüber gesprochen. Jetzt gib Lucy die Tasche zurück.“
Annie plusterte empört ihre Backen auf und ging steifbeinig auf ihre Schwester zu.
Die Übergabe des Diebesguts glich eher einem Schlag als einem Austausch.
Langsam atmete Andrea aus. „Ich geh jetzt nach unten und bereite das Frühstück vor“, verkündete sie. „Wenn Papa fertig ist, geht ins Bad und zieht euch an.“
Lucy nickte sofort, während Annie die Lippen fest zusammenpresste. Schließlich tat sie es auch.
Zufrieden wandte sich Andrea zur Tür.

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