Kapitel 1

Enttäuschungen

 

01.05.2013, Deutschland

Abgelegener Parkplatz außerhalb der Stadt, 

frühmorgens

Ein Feuer tobt in Draemsteracks Brust, langsam verzerrt es ihn und zwingt ihn, trotz der Qualen unbeweglich hier zu verweilen. Erstarrt, schwach, gedemütigt. Die zu Menschenfleisch gewordenen Glieder zucken unkontrolliert und der eigene Schmerz widert ihn an. Er, der mächtige Dämon, ist gefangen in seiner menschlichen Gestalt. Scheinbar bewusst-los liegt er hier am Boden, doch sein hasserfüllter, zorniger Geist ist hellwach.

Hannahs aufgeregter Atem dringt an sein Ohr, ihr vor Panik rasendes Herz klingt treibend und berauschend wie eine Buschtrommel. Ihre Angst ist ein köstlicher Geruch. Sie ist so schwach, so zer-brechlich, so leicht zu unterwerfen. 

Jedoch hat diese Frau einen Fehler gemacht. Einen Fehler, der sie das Leben kosten wird und er wird sich persönlich um ihre Bestrafung kümmern. Allerdings muss er in diesem Moment mit ansehen, wie sie gemeinsam mit dem verfluchten Priester flüchtet.

Draemsterack weiß, dass der Bannspruch nur von kurzer Dauer ist, ein flüchtiger Augenblick im Laufe der Zeit. Und er hat es in den Augen des Priesters gesehen, dass sich dieser ebenfalls darüber im Klaren ist. 

Stumm schickt der Dämon seinen Zorn in den Himmel und dicke Gewitterwolken verschlingen die Sonne und verdunkeln die Welt. Sollen sie doch den kurzen Augenblick trügerischer Sicherheit genießen. Allerdings nicht lange. Er wird sich zurückholen, was ihm gehört.

Seinem Zorn entspringt ein stürmischer Wind, der hinter den Flüchtenden herjagt. Niemals wird Hannah vor ihm in Sicherheit sein. Niemals, solange sie seinen Nachwuchs in sich trägt. 

Mit jeder Minute die vergeht, wird das Feuer, das ihn bannt, schwächer. Die fleischliche Hülle beruhigt sich - im Gegensatz zu seinem Geist. Es dauert nicht mehr lange. Immer deutlicher spürt er den staubigen Sand auf seiner Haut kratzen.

Mit grollendem Donner erlischt das Feuer, das ihn zu Boden zwingt. Ohne weitere Zeit zu verlieren, wird er eins mit dem Sturm und nimmt die Verfolgung auf. 

01.05.2013, Vatikan, später Vormittag

»Wie bitte?«, nur mit Mühe kann Benedikt Pius seine Stimme ruhig halten, doch die Anspannung ist ganz deutlich herauszuhören. Unbewusst krallt sich seine Hand in die Armlehne des Bürostuhls. 

»Heiliger Vater, wir werden in einigen Stunden bei Euch sein, dann erkläre ich es Ihnen detailliert. Vorab nur so viel: Wir mussten fliehen. Draemsterack hätte uns beinahe getötet.« 

Die Stimme von Priester Engel am anderen Ende der Leitung ist sachlich und gelassen; zu gelassen in den Ohren des Papstes. Engel hat sich erneut seinen ausdrücklichen Befehlen widersetzt und gefährdet das Schicksal der Welt. Unweigerlich kocht Zorn im Pontifex auf. »Und weshalb, wenn ich fragen darf?«, presst er hervor.

»Später, Eure Heiligkeit.« Engel stockt. Der Papst hört deutlich, wie sich seine Atmung beschleunigt. Im Hintergrund bricht ein Tumult aus, Benedikt Pius hört, wie Menschen schreien und Glas zersplittert. »Wir müssen weiter«, bellt Engel hektisch ins Telefon. 

Die Verbindung ist unterbrochen, doch Benedikt Pius hält sich noch immer den Hörer ans Ohr, als hätte er dennoch eine Möglichkeit zu erfahren, was Hunderte Kilometer entfernt gerade vor sich geht. Sorge und Wut rollen in einer kräftigen Welle über ihn hinweg und er glaubt, die Sonne, die wärmend zum Fenster hereinstrahlt, würde ihn für seine schlechten Entscheidungen verhöhnen.

Mit geschlossenen Augen versucht er, die wirren Gedanken zu ordnen. Engel und diese Frau werden offenbar verfolgt; von Draemsterack persönlich. Gü-tiger Gott! Er wollte sich nicht ausmalen, was es für die Welt bedeutet, sollten die beiden es nicht bis in den Vatikan schaffen. 

Bei der widerwillig aufkeimenden Vorstellung ent-gleitet ihm der Hörer. Nach Hilfe tastend stützt er die Hände auf seinen Schreibtisch ab. »Gütiger Gott. Du großer, mächtiger, gnädiger Gott, erhöre mich, deinen Diener, und beschützte uns, deine verlorenen Kinder.« Leise klopft es an der Tür und zwingt den Pontifex, sich wieder zu fassen. Er atmet tief durch. »Herein.«

»Eure Heiligkeit, bitte entschuldigt, dass ich Euch stören muss.« Ronaldo Paele tritt mit sorgenvoller Miene an den Schreibtisch heran. 

Das bedeutet weitere schlechte Nachrichten. »Bitte Ronaldo«, der Papst bemüht sich, den Kammerdiener väterlich anzulächeln und deutet auf den freien Stuhl vor ihm. »Was hast du auf dem Herzen?«

Ronaldo räuspert sich, ganz offensichtlich sucht er nach den passenden Worten. »Es geht um Engels Paket.« 

Das Gesicht des Papstes verfinstert sich schlagartig. Er hatte genug von den Alleingängen dieses Priesters. Ronaldo macht eine Pause, hadert offenbar mit sich, ob er überhaupt weiter sprechen sollte. Erst als der Pontifex auffordernd die Augenbrauen erhebt, spricht der Kammerdiener weiter. »Es gibt erneute Schwierigkeiten.«

»Was für Schwierigkeiten«, bellt der Papst unge-halten. 

»Eine erneute Attacke gegen Kardinal Maisenhoff. Eure Heiligkeit, die Frau ist völlig ... wirr. Ich befürchte, all Ihre Bemühungen sind erfolglos.«

Entschlossenheit steht Benedikt Pius ins Gesicht geschrieben. »Ich komme und kümmere mich persön-lich um sie.«

»Eure Heiligkeit, ich bitte Sie ...«, Ronaldo sieht ihn entsetzt an. 

»Nein«, bellt der Pontifex. »Diese leidige Ange-legenheit wird jetzt geklärt. Ein für alle Mal.«

 

Kapitel 2 

Flucht vor 

dem Dämon

 

01.05.2013, Irgendwo in Österreich, Autobahn

Christian jagt Streckers Wagen über die Autobahn, er wirkt hochkonzentriert. Immer wieder kontrolliert er den Rückspiegel, ob wir schon verfolgt werden. 

Schaudernd schließe ich meine Augen und sehe den Dämon vor mir, sein wutverzerrtes Gesicht. Ohne Regung hat er Hartrechts Befehl angenommen uns zu töten, mich zu töten. Dabei dachte ich ... ja was eigentlich? Dass er ein liebender Vater werden würde? Nur weil er mich in den letzten Wochen mit diesem bitteren Brei versorgt hat. Vermutlich auch auf Hartrechts Befehl. Verbittert kämpfe ich gegen meine Tränen an.

Der Motor brummt leise vor sich hin, die Räder surren einschläfernd auf dem Asphalt. Vor uns liegt ein strahlend blauer Himmel, hinter uns ziehen sich dicke Wolken zusammen und tauchen den Horizont in ein dunkles Grau. Ich kann die Bedrohung, die uns verfolgt, deutlich spüren.

Christian sieht mich besorgt an. »Alles okay?«

Ich nicke, da ich unfähig bin zu antworten. Er weiß so gut wie ich, dass nichts okay ist. Trotzdem lächelt er, ein schwacher Versuch mich zu trösten. Allerdings will ich gar keinen Trost. Im Gegenteil, ich will verstehen. Wie ist es zu all diesem Irrsinn gekommen? Ab wann konnte ich nicht mehr zurück? Die Schwangerschaftsübelkeit nimmt zu und dringende menschliche Bedürfnisse kündigen sich an. »Können wir eine kurze Pause machen?«

Christian sieht mit kurz ernst an und wirft dann erneut einen Blick in den Rückspiegel. »Hannah, wir sind erst im Vatikan sicher.« Angst lässt mich würgen. »Bitte. Nur ganz kurz. Ich brauche dringend eine Pause.«

Er überlegt und schweigt, im gleichen Augenblick fahren wir an einem Hinweisschild vorbei, das den nächsten Autohof in 10 Kilometer ankündigt. Ich suche seinen Blick und sehe ihn flehend an. »Also gut«, knickt er ein.

Wir erreichen den gut besuchten Autohof im Hand-umdrehen. Wachsamkeit lässt seine Gesichtszüge hart wirken, während er die Situation auf dem Parkplatz überfliegt. »Nur ganz kurz. Denk daran.« Ermahnt er mich nochmals. Schließlich parkt er zwischen einem Bus und mehreren Autos. »Inmitten von Leuten wird uns Draemsterack kaum angreifen.« Glaubt er das wirklich? Christian lächelt mich schief an.

Ein starker Wind umfängt mich, sobald ich ausge-stiegen bin und der Himmel hat sich zwischenzeitlich verfinstert. Drückend hängen die Gewitterwolken über uns. Es donnert und ich zucke zusammen. Beschützend legt Christian seinen Arm um meine Schulter und zieht mich zu sich. »Strecker ist ganz nah«, flüstere ich. 

»Bitte beeile dich«, haucht er gegen mein Haar und entlässt mich aus seiner Umarmung erst, als wir bei den Toiletten angekommen sind. 

Nachdem mein Magen sinnloserweise versucht hat, sich zu entleeren, wasche ich mir die Hände und das Gesicht. Müde betrachte ich mein Spiegelbild. Ein dunkelblauer Schatten liegt über meiner rechten Wange und dem Auge. Im Kontrast zu meiner bleichen Haut wirkt es erschreckend. Ich sehe an mir herunter, meine Kleidung ist schmutzig und zerrissen. Es für jeden zu sehen, dass ich in Schwierigkeiten stecke.

Unbändiger Hunger treibt mich dennoch in den Tankstellenshop, geradewegs steuere ich auf die Obstauslage zu. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich kein Geld bei mir habe. Kein Geld, keinen Ausweis. Nichts. Ich hab nur noch das Handy in der Hosentasche, auf dem die Beweise gespeichert sind, dass der Vater meines Kindes ein Auftragskiller ist und Hartrechts Kanzlei sein Auftraggeber. Zudem er ist kein Mensch, sondern ein Dämon. Ich schließe die Augen und sehe Strecker vor mir, als Christian ihn erstarren ließ. Die schwarzen Augen, die rot zu glühen begannen. Die Reißzähne, die er hasserfüllt fletschte.

Keuchend sacke ich gegen ein Regal. Ein erstickter Schrei entweicht mir, als ich zwei Hände spüre, die mich bestimmend an den Schultern packen. »Schnell!«, flüstert mir Christian ins Ohr und schiebt mich Richtung Ausgang, ohne weitere Erklärungen.

In diesem Moment bricht draußen ein entsetzlicher Sturm aus. »Großer Gott«, höre ich Christian er-schrocken ausstoßen und stolpere fast über meine eigenen Beine. Die Pause war ein Fehler. Dicht zusam-mengedrängt rennen wir zurück zum Auto. Durch die dunklen Wolken hindurch glaube ich, Streckers schwarze Augen erkennen zu können. »Lauf weiter. Schnell. Nicht stehen bleiben«, ruft mir Christian durch den tosenden Wind zu. 

Eisig schlagen die Böen um sich, treffen mich hart auf der Brust, das Atmen fällt immer schwerer. Ich spüre Christians Hand in meiner und doch fühlt er sich schrecklich fern an. Unsere Bewegungen ver-langsamen sich, ohne dass wir Einfluss darauf haben. 

Ich riskiere einen flüchtigen Blick. Christians Gesicht ist vor Anstrengung gerötet, seine Lippen bewegen sich schnell, ohne dass ich ein Wort verstehen kann. 

Panisch schaue ich zurück und erkenne Strecker, der aus einer der Böen heraustritt, wie aus einem Haus. Ein schriller Schrei jagt wie Elektrizität durch jede Zelle meines Körpers. Gefangen in im luftleeren Raum, drohe ich zu ersticken und meine Arme und Beine wollen ihren Dienst einstellen. 

Es herrscht Chaos um uns herum, die Menschen rennen schreiend umher. Rücksichtslos versucht jeder seine eigene Haut zu retten. Einige stürzen und sind sich selbst überlassen. Die Autos rasen ungebremst über den Asphalt des Rasthofs, hinaus auf die Auto-bahn. Hauptsache schnell weg. Zwei Autos sind ineinander gekracht, einige Lastkraftwagen mitsamt Anhänger umgestürzt. Verloren in all diesem Durch-einander stehen wir und können uns kaum vom Fleck bewegen. 

»Hannah«, beschwört mich Christians Stimme. »Bitte lauf weiter.« 

Ich sehe in seine blauen Augen und hoffe, dass wir gerettet werden. Halt suchend drücke ich seine Hand, denn das schrille Geräusch hält mich weiter gefangen und lässt mich in die Dunkelheit abdriften. 

Eine magische Kraft zwingt mich erneut meinen Blick auf Strecker zu richten. Eine orkanartige Böe fängt mich ein, ich verliere Christians Hand und treibe von ihm weg, hinein in einen tiefen Abgrund. 

Eine Wärme wie von Sonnenstrahlen stoppt mich, bevor ich in den Abgrund stürze, und gibt mir Herz und Verstand zurück. Sanft umschlingen Christians starke Hände meine tauben Glieder, halten mich fest im Hier und Jetzt. Mein Kopf lehnt an seiner Brust. Kräftig höre ich das kämpferische Herz darin schlagen und es wir nicht aufgeben, bis wir gerettet sind.

Aus leisem Brummen bilden sich Worte: «Es beschütze uns der allmächtige Gott. Deus Pater, Deus Filius, Deus Spiritus Sanctus. Eam nos protegat Deus omnipotens. Der Dämon hat keine Gewalt über uns. Dämon non apponat nocere nobis. Allein der gütige Gott ist unser Herr. Bonum autem Dominus Deus noster. Deus Pater, Deus Filius, Deus Spiritus Sanctus.« 

Aufmerksam lausche ich dem leidenschaftlichen Rhythmus seiner Stimme. Je länger ich das tue, desto leiser werden der Sturm und das schrille Kreischen, bis lediglich ein Hintergrundrauschen davon übrig ist.

»Wir sind gleich da, Hannah«, muntert mich Christian lächelnd auf, doch wirkt er sehr erschöpft. Er drückt mir einen sanften Kuss auf die Stirn, und ich glaube all seine Gefühle für mich, in dieser Geste zu spüren.

Ich sehe nach vorne, wir sind tatsächlich nur noch wenige Meter vom Wagen entfernt. Der Sturm nimmt an Stärke zu, jedoch spüre ich die peitschenden Böen und deren eisige Kälte nicht mehr. Christians Worte bilden eine Art schützende Blase um uns herum, durch die nichts Böses dringen kann. 

Sobald wir den Wagen erreichen, reißt er die Beifahrertür auf und schiebt mich auf den Sitz. Krachend fällt die Tür ins Schloss und genau jetzt platzt die Blase. Ein Windstoß erfasst den Wagen, rüttelt die Karosse scheppernd durch. Christian läuft um den Wagen herum, muss mit seinem gesamten Körpergewicht gegen die Naturgewalt ankämpfen. Ich kann nur hilflos dabei zusehen.

Währenddessen kommt Strecker immer schneller auf uns zu. Der stürmende Wind hilft ihm hierbei. Kurz bevor der Dämon bei uns ist, steigt Christian schwer atmend ein. Er startet gerade den Motor, da landet unser Verfolger krachend auf dem Wagendach. Entsetzt schreie ich auf.

Christian beschleunigt den Wagen und beginnt erneut den Bannspruch zu predigen. Laut und voller Inbrunst. Riesige Hagelkörner schlagen gegen die Scheiben, treffen das Auto wie Fausthiebe. »… Der Dämon hat keine Gewalt über uns. Dämon non apponat nocere nobis. Allein der gütige Gott ist unser Herr. ...«, schreit Christian. Er hat das Gaspedal bis zum Bodenblech durchgedrückt, doch nur zäh erreichen wir eine spürbare Geschwindigkeit. Ich höre Strecker lachen, böse und gefährlich. 

Panisch sehe ich zu Christian, der Schweiß steht ihm auf der Stirn und er ist aschfahl. Er ist mittlerweile zu schwach, dem Bannspruch die Macht zu verleihen, die wir brauchen, damit wir Strecker entkommen können.

Vor uns entsteht aus dem Nichts heraus ein Tornado. Tödlich kommt der graue Luftwirbel auf uns zu, seine Größe lässt mich erstarren. Schnell und gewaltig bläst er alles, was sich ihm in den Weg stellt zur Seite. Autos, Straßenschilder, Leitplanken, alles fliegt durch die Luft, schleudert ins Ungewisse. 

Erneut poltert es direkt über uns auf dem Blech. Strecker wird uns nicht entkommen lassen. Instinktiv streiche ich mit der rechten Hand über meinen Bauch, denke an das Baby und plötzlich werde ich ruhig, die Angst in mir verschwindet. Ich sehe Christian an und lege meine linke Hand auf seine und drücke sie fest. Das hier ist unser Kampf und ich gebe nicht auf. Das bin ich ihm und meinem Baby schuldig. »Du bist nicht allein«, versichere ich Christian und sehe ihm entschlossen in die Augen. 

Er nickt und murmelt zwischen den Sätzen: »Sprich mir nach. … Es beschütze uns der allmächtige Gott. … Deus Pater, Deus Filius, Deus Spiritus Sanktus …« 

Immer leichter gehen mir die Worte von den Lippen, immer besser verstehe ich die Bedeutung und dann fühle ich es, die Macht, die uns beschützt, die nicht zulässt, dass wir hier und heute sterben. 

Die Blase, die mich vorhin eingehüllt hat, scheint nun direkt aus mir heraus zu entstehen. Der Lärm, das Rütteln am Wagen, das Poltern auf dem Dach, alles scheint, in weite Ferne zu rücken. Ich drehe mich um und sehe durch die Heckscheibe Strecker, wie er vom Wind erfasst und direkt in die dunklen Wolken hinein geschleudert wird.

 

Kapitel 3

Ankunft im

neuen Leben

 

Meine Augenlider sind schwer, der Schädel brummt, meine Knochen fühlen sich an, als bestünden sie aus Blei. Ich halte die Augen geschlossen, nur noch einen kurzen Moment, bevor ich der Realität wieder ins Auge sehe. Ein kurzer Moment, in dem ich mir vorstellen kann, nichts von all dem Wahnsinn ist passiert. Ein Moment, in dem ich mir einrede, dass es keine Dämonen gibt, niemand der uns verfolgt. Keine Morde, an denen die Kanzlei beteiligt ist. Ein Moment, in dem ich mir vorstelle, dass ich in den nächsten Minuten mit Tamara, meiner besten Freundin, telefoniere und wir besprechen, welchen Club wir heute unsicher machen. Einen Moment, in dem ich stark und selbstbewusst bin, mein Leben im Griff habe und allen Schwierigkeiten trotze. Dieser Moment ist nun vorbei. 

Die Lider heben sich widerwillig und sofort werde ich geblendet von hellen Strahlen der Morgensonne, die vom wolkenlosen Himmel uns begrüßt und einen schönen Tag verspricht. Wir leben! 

Tief atme ich durch, richte mich im Sitz auf und lasse den Blick durch die Umgebung schweifen. Ich bin allein im Wagen, den Christian in einer Seitengasse geparkt hat. Kleine Häuser stehen dicht beisammen, bilden einen Sichtschutz ab, sodass man von der Hauptstraße aus nicht sofort gesehen werden kann. Dort herrscht bereits reger morgendlicher Verkehr. Ich betrachte die Häuserfassaden erneut. Ordentlich, sauber gestrichen, alle gleich, unterwerfen sie sich der auferlegten Ordnung. Es ist unheimlich, ich beginne zu frösteln.

Plötzlich öffnet Christian die Autotür und reißt mich aus meinen Gedanken. Warm umfängt mich die Morgenluft. Galant reicht er mir seinen Arm und lächelt mich an. Sein Gesicht scheint zu strahlen und gerade sieht er tatsächlich aus wie ein Engel. »Herz-lich willkommen im Vatikan, Hannah.« 

Die Gefühle, die in meinem Bauch tanzen wie Schmetterlinge, verwirren mich. Daher zögere ich kurz, seine Geste anzunehmen. Schließlich tue ich es doch. 

Das ist er also: Der Vatikan. Vögel zwitschern ihr fröhliches Lied von den Bäumen. Frühlingsduft ver-mischt sich mit dem Geruch frischer Brötchen. Alles wirkt so normal, so friedlich und es scheint, dass nichts auf der Welt diesen Frieden stören könnte. 

Schweigend führt er mich weiter in das Haus vor uns. In dessen Eingangsbereich wartet ein dunkel-haariger Mann in einem schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte auf uns. Aufgeregt klopft mein Herz gegen die Rippen, doch als ich den ablehnenden Blick des Unbekannten registriere, beginnt es zu rasen. 

Als er sich Christian zuwendet, verändert sich sein Gesichtsausdruck. »Christian Engel«, begrüßt er ihn freundlich. »Endlich lernen wir uns persönlich kennen.« Er macht mit dem Oberkörper eine leichte Verbeugung. Sie schütteln sich kräftig die Hände.

»Es freut mich ebenfalls«, erwidert Christian und schiebt mich nach vorne. »Ronaldo, darf ich Ihnen Hannah fromm vorstellen?«

Erneut mustert mich Ronaldo Paele mit diesem verachtenden Blick, als wäre ich ein lästiges Insekt, dass erledigt werden muss. Dieser Blick dauert jedoch nur wenige Sekunden, ohne dass Christian ihn bemerkt. Mit dem nächsten Wimpernschlag ziert ein überfreundliches Grinsen Paeles Gesicht, das dessen Augen nicht erreicht. Dieses aufgesetzte Gehabe lässt mich schaudern. Um die Höflichkeit zu wahren reiche ich ihn dennoch lächelnd die Hand. »Schön Sie kennenzulernen, Herr Paele.« 

»Wunderbar, dass Sie endlich hier sind. Der Heilige Vater war außer sich vor Sorge und die letzten Stunden die reinste Qual für ihn. Für uns alle.« Er lacht auf, als wäre es ein Witz. »Seine Heiligkeit freut sich darauf, sie beide zu sehen.« Erneut habe ich seine gesamte Aufmerksamkeit. »Vor allem Sie, Hannah«, widerwillig reißt er sich wieder von mir los. »Aber zuerst sollen Sie sich von der Reise erholen. Ich habe zwei Zimmer für Sie vorbereiten lassen.« Mit schnellen Schritten geht Paele voran und führt uns in das Obergeschoss. »Gegen vier Uhr wird ein kleiner Imbiss im Speisezimmer vorbereitet und anschließend treffen Sie den Pontifex.«

Christian nickt dankbar. »Vielen Dank für Ihre Mühen. Vergelt´s Gott.«

Ronaldo Paele sieht zwischen uns hin und her, noch immer mit diesem unechten Honigkuchen-grinsen im Gesicht. »Ach, Priester Engel, ich bitte Sie«, winkt er übertrieben ab und heuchelt Be-scheidenheit. »Das ist doch alles selbstverständlich.« Nur wenige Meter nach dem Treppenaufgang bleibt er vor einer Tür stehen. »Hannah, ich darf Sie doch beim Vornamen nennen?«

Ich schlucke schwer und spüre, wie mir das Lächeln auf dem Gesicht einfriert. Nein, eigentlich nicht, schreit es in meinem Kopf. »Natürlich«, kommt die Antwort automatisch von meinen Lippen.

Ein finsterer Ausdruck tritt in seine Augen, als Paele die Tür öffnet. »Wie wunderbar. ... Das ist ihr Zimmer. Ich wünsche Ihnen angenehme Erholung.«

Unsicher sehe ich zu Christian, doch er nickt mir aufmunternd zu. 

»Priester Engels Zimmer ist gleich hier drüben«, erklärt Paele und deutet auf die Tür gegenüber.

»Keine Sorge, wenn etwas ist, bin ich gleich bei dir«, versichert mir Christian. 

Ja, er bleibt in meiner Nähe, dennoch habe ich ein ungutes Gefühl im Magen. »Danke«, murmle ich und atme tief durch, bevor ich das mir zugewiesene Zimmer betrete.

Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Allein stehe ich in dem karg eingerichteten Raum mit den weiß ge-tünchten Wänden und dem dunkelbraunen, abge-nutzten Holzfußboden. Ein Gefühl von Verlorenheit steigt auf. Das einfache, schmale Holzbett und die kleine Kommode an der gegenüberliegenden Wand sind wenig einladend. Das riesige Holzkreuz über der Kommode ist allerdings regelrecht erdrückend, es dominiert den gesamten Raum.

Ich erinnere mich an das Gästezimmer in Christians Wohnung, das Wärme und Geborgenheit versprühte. Anders als dieses hier. Mein Blick bleibt an einer weiteren Tür neben der Kommode hängen. Neugierig folge ich meinem Impuls und lande überraschen-derweise in einem kleinen Badezimmer ohne Fenster. 

Ich betätige den Lichtschalter. Die Nasszelle ist weiß gefliest und Waschbecken und Toilette sind mit einem Plastikduschvorhang von der Dusche abge-trennt. Über dem Waschbecken sind eine kleine Ablage und ein Spiegel angebracht, daneben ein Hand-tuchhalter, der offenbar gleichzeitig als Heizkörper fungiert. Alles schnörkellos und praktisch. 

Nun übermannt mich die Übelkeit und ich ziehe die Tür hinter mir zu, bevor ich mich meinem Körper und seinem Willen ergebe. Ich wünschte, ich wäre in meiner eigenen Wohnung. Seltsam, man merkt immer zu spät, wie wichtig die Dinge sind, die man hat. Die kleine Wohnung ist tatsächlich mein Zuhause gewesen und ich habe es nie zu würdigen gewusst. Und nun? 

Ich kann nicht mehr dorthin zurück und habe alles zurückgelassen. Kalter Schweiß läuft meinen Rücken hinab und ich schnappe nach Luft. Ich bin am Leben, schwanger und im Vatikan. Entsetzen erfasst mich in großen Wellen und ich habe das Gefühl, das meine Beine mein Gewicht nicht mehr tragen. In der auf-steigenden Hoffnungslosigkeit ertrinkend sacke ich zusammen und lasse den unzähligen Tränen freien Lauf, während lautlose Schluchzer meinen Körper kräftig schütteln.

Es dauert eine Weile, bis ich mich beruhigt habe, bis sich die Flut aus Tränen und Traurigkeit in mir legt. Bis ich die Kraft aufbringen kann, die schützende Enge des Badezimmers zu verlassen. Am liebsten würde ich hier bleiben und mich vor dem Rest der Welt verstecken. Doch das geht nicht! 

Mit klarem, kalten Wasser wasche ich mein Gesicht und die Spuren der Tränen weg. Zusammenbrechen hilft nicht weiter.

Ich beschließe mich hinzulegen und steuere das Bett an. Gerade als ich es erreiche, höre ich ein Räuspern hinter mir. Panisch wirble ich herum und erstarre im nächsten Augenblick. Krampfhaft versuche ich, meine ohnehin instabile Fassung zu bewahren. 

»Bitte entschuldigen Sie mein Eindringen, aber meine Neugier war stärker als meine Selbstbeherrsch-ung«, Benedikt Pius lächelt mich an, genau so wie in den Nachrichten, die ihn mit den Gläubigen zeigen. Die Hände hat er vor seinem Bauch verschränkt und er ist von seiner Statur größer und breiter als ich es mir vorgestellt hatte. 

»Ich weiß, ich dürfte Sie nicht so überfallen«, er macht einige Schritte auf mich zu. Seine Augen ruhen auf mir, doch als er weiterspricht, verhärtet sich sein Blick. »Es ist jedoch wichtig, dass ich Sie alleine sehe, bevor wir uns gemeinsam mit Priester Engel treffen.«

Schwer schlucke ich gegen die aufkommende Trockenheit in meinem Mund an. Da ich nicht weiß, was und ob ich dem Papst antworten soll, nicke ich. Er mustert mich abschätzend. »Nun gut«, sagt er nach einer Pause. »Sie sehen krank aus. Ist mit Ihnen alles in Ordnung?« Sein Blick bleibt interessiert an meinem Bauch hängen. 

Es kommt mir vor, als bestünde ich aus Glas und er könnte das Baby deutlich sehen. In diesem Augenblick weiß ich, dass es in diesem Wahnsinn nur um das Baby geht. Nicht um mich, sondern um das Kind, das in mir wächst. Um Streckers Kind. Wie laute Trommeln dröhnt mein Herzschlag in meinen Ohren. Mein Instinkt sagt mir, dass ich vor diesem Mann auf der Hut sein muss. 

»Ich werde veranlassen, dass Sie gleich morgen von einem Arzt untersucht werden. Wir wollen ja nicht, dass es Ihnen an ausreichender Versorgung fehlt.«

»Danke, es geht mir gut.« Meine Stimme zittert. »Ein Arzt ist nicht nötig.«

»Oh meine Liebe, das ist nun nicht mehr Ihre Entscheidung, glauben Sie mir«, sein Blick verdunkelt sich. »Sie benötigen meine Hilfe und den Schutz des Vatikans. Daher werden Sie sich fügen.« Er lächelt mich kalt an und in jedem seiner Worte schwingt die unausgesprochene Drohung nach. »Ich lasse Sie jetzt allein. Wir sehen uns später.« Der Papst wendet sich zum Gehen, hält jedoch an der Tür noch einmal inne. Er sieht mich erneut an und sein Blick jagt mir einen Schauder über den Rücken. »Es ist selbstverständlich, dass dieses Gespräch nie stattgefunden hat.«

Entsetzt stockt mir der Atem und das Grauen kriecht in meine Knochen. Wie gelähmt starre ich nach und erst, als sich die Tür hinter dem Papst schließt, kann ich erleichtert ausatmen.

 

Kapitel 4

Streit

 

Beschwingt geht Christian Engel durch die vertrauten Gänge des päpstlichen Palastes. Er ist froh nicht länger im Gästequartier ausharren zu müssen. Das hier ist sein Zuhause und erst jetzt fällt ihm auf, wie sehr er die Ruhe und die Ehrwürdigkeit dieses Ortes vermisst hatte. 

Obwohl sie bereits vor Stunden angekommen sind, pumpt das Herz noch Unmengen an Adrenalin durch seine Blutbahnen. Die Flucht vor dem Dämon hat ihm alles abverlangt, er spürt jeden einzelnen Muskel und jeden Knochen in seinem Körper. Was ebenfalls etwas Gewohntes für ihn ist. Das, was ihm nicht schlafen lässt, ist viel verwirrender, viel intensiver.

Es ist die Erinnerung an das Gefühl Hannahs Hand auf seiner zu spüren. Für einen Moment war er über-zeugt, dass sein Herz aussetzt. Ihre Stimme ist wie eine sanfte Melodie, als käme sie direkt vom Himmel. Als sie zusammen den Bannspruch auf-sagten und sie ihre Hand auf seine legte, prickelte sein gesamter Körper. Ein verliebtes Lächeln umspielt unweigerlich seine Lippen, ohne dass er es kon-trollieren kann. Ohne Neid muss er zugeben, dass sie es ohne Hannahs Eingreifen vermutlich nicht geschafft hätten zu entkommen. Seite an Seite strotzten sie dem Dämon.

Erneut lässt die verbotene Empfindung für Hannah seinen Atem stocken und die Knie weich werden. Das Herz in seiner Brust ist dabei sich zu überschlagen. Ruhelosigkeit packt ihn und er ist kurz davor, für sie alle Regeln zu brechen. 

Atemlos steht er nun vor der großen, hellbraunen Holztür, hinter der sich das Arbeitszimmer des Pontifex befindet. Er zwingt sich zur Ruhe und kämpft um Selbstbeherrschung. Benedikt Pius soll unter keinen Umständen das Gefühlschaos in seinem Inneren sehen. Nur selten sind er und sein Chef einer Meinung. Und Christian ist sich mehr als bewusst, dass der amtierende Papst zwar ein intelligenter Mensch ist, jedoch ohne Geduld und großes Ver-ständnis. 

Kaum merklich schüttelt der Priester seinen Kopf und atmet tief durch, bevor er selbstbewusst an die Tür klopft. Geduldig wartet er auf Einlass. Es vergeht ein kurzer Augenblick, bis das erlösende »Herein« durch das Holz dringt.

Ohne zu zögern, betritt Christian das Arbeits-zimmer. Benedikt Pius hat es sich hinter dem Schreibtisch bequem gemacht. Das Buch der Prophezeiung liegt aufgeschlagen etwas seitlich von ihm. Ich muss mit Hannah unbedingt darüber sprechen, schießt es dem Priester durch den Kopf. 

»Eure Heiligkeit«, richtet Christian seine Aufmerk-samkeit schnell auf den Papst. 

Respektvoll verneigt er sich vor ihm. Der Pontifex erhebt sich, geht einige Schritte um den Tisch herum und streckt ihm die Hand mit dem Bischofsring entgegen. Ehrfürchtig geht Christian auf den Papst zu, ergreift sorgsam die ihm gereichte Hand. Mit gesenktem Kopf fällt er auf die Knie und küsst den Siegelring, so wie es sich für einen Soldaten Gottes gehört.

»Erhebe dich, mein Sohn«, antwortet Benedikt Pius. »Setze dich bitte«, und deutet auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch. Er selbst nimmt wieder in seinem Arbeitssessel platz, seine ineinander gefalteten Hände legt er auf der Tischplatte ab. Die Augen des Papstes ruhen auf Christian, doch kann dieser, den Blick nicht richtig deuten. Es ist ihm unangenehm, vom Heiligen Vater mit diesem abschätzenden Blick gemustert zu werden. Miss-trauen steigt in dem Priester auf, lächelnd versucht er sich nichts anmerken zu lassen. 

»Wie war die Reise?«

»Ehrlich gesagt, Eure Heiligkeit«, Christian rutscht auf den Stuhl nach vorn und lehnt sich Benedikt Pius ein Stück entgegen. »Anstrengender als ich dachte.«

»So«, skeptisch hebt der Pontifex seine Augen-brauen und fährt im scharfen Ton fort: »Dann will ich die ganze Geschichte hören, wie es dazu kam, dass wir uns jetzt so unerwartet gegenübersitzen.«

Christian kann das Lächeln nicht mehr aufrecht-erhalten. Der Papst ist verärgert. Er holt erneut tief Luft, bevor er ihm die Geschehnisse berichtet. »Wir, das heißt, Hannah hat herausgefunden, dass ihr Arbeitgeber, die Kanzlei Hartrecht & Partner, die Opfer von Draemsterack ausgewählt hat. Der Dämon fungiert als ihr Auftragskiller. Hannah war gerade dabei Beweise zu sammeln, als sie von dem Dämon persönlich entdeckt wurde.«

Benedikt Pius nimmt die Informationen regungslos zur Kenntnis. Hat er richtig zugehört? Christian ist sich nicht sicher und erzählt einfach weiter: »Die Kanzlei ließ sie bespitzeln und sie wussten, dass sie sich mit mir getroffen hatte. Bedauerlicherweise konnten mich zwei ihrer Wachmänner überrumpeln, so dass wir beide kurzzeitig in die Fänge von Hartrecht und Draemsterack geraten sind.«

»Und wie kommt es, dass sie beide noch am Leben sind?«, wirft Benedikt Pius kalt ein.

»Ich konnte den Dämon kurzzeitig bannen, so konnten wir schließlich die Flucht ergreifen.«

Der Blick des Papstes verfinstert sich. »Priester Engel. Christian. Hatte ich nicht befohlen, dass Sie sich im Hintergrund halten? Ich hatte Sie aus-drücklich darum gebeten, dass sie abwarten, bis es gesicherte Anzeichen gibt, dass Frau Fromm die Frau aus der Prophezeiung ist?«, bellt Benedikt Pius zornig. 

»Ja, dass haben Sie, Eure Heiligkeit«, gibt Chris-tian bedrückt zu. »Aber ...«

»Nichts aber«, faucht der Pontifex ihn an und stoppt damit alle weiteren Erklärungsversuche im Keim. Drohend erhebt sich der Kirchenfürst und läuft mit wütendem Gesichtsausdruck um den Schreibtisch herum. »Engel, Sie haben sich meinem ausdrücklichen Befehl widersetzt. Und das nicht zum ersten Mal.« 

Erneut versucht Christian auf diesen Vorwurf zu antworten, doch Benedikt Pius verweigert ihm jede Rechtfertigung mit einer Handbewegung. Daher bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Zorn des Papstes schweigend über sich hinwegfegen zu lassen. Hätte er sich im Hintergrund gehalten, wäre Hannah vermutlich jetzt Tod. Nein, er hat richtig gehandelt. Ohne Zweifel. Dennoch beginnen nun kleine Bedenken an der Richtigkeit seiner Ent-scheidung zu kratzen.

»Ist die Frau schwanger?«, reißt Benedikt Pius ihn aus seinen Gedanken. 

Erschrocken sieht Christian zu ihm auf. Allein bei der Vorstellung, dass sie die Brut des Dämons in sich trägt, dreht sich ihm der Magen um. Sich vorzu-stellen, dass Hannah von dieser Ausgeburt der Hölle ein Kind erwartet, jagt unbändigen Zorn durch seine die Venen. Fest presst Christian seine Kiefer zusam-men. Denn genau darum geht es! Deshalb ist sie so wichtig für den Papst, für die Welt. Nur wegen dieser Möglichkeit, dass sie die Brut der Hölle unter ihrem Herzen trägt. »Ich ... ich weiß es nicht«, gibt er kleinlaut zu und unterdrückt einen Schauder. 

»Dann darf ich nochmals den Stand der Dinge zusammenfassen.« Die Stimme des Papstes geht vor bitteren Sarkasmus über. »Sie haben keinen Beweis, dass die Frau, die sie heute hierher gebracht haben, die Frau ist, von der die Prophezeiung spricht. Sie haben keinen Anhaltspunkt dafür, dass sie den Nachwuchs von Draemsterack in sich trägt, der wichtig ist, um den Untergang der Menschheit zu verhindern.«

Eine quälende Pause entsteht. Christian rutscht unwohl unter dem Blick von Benedikt Pius auf dem Stuhl hin und her. »Heiliger Vater, es ist ... ich bin mir sicher, dass Hannah die Frau aus der Prophezeiung ist. Sie erfüllt alle Merkmale und ...« 

Dem Pontifex steigt mittlerweile die Zornesröte ins Gesicht. »Nur weil sie sich von der menschlichen Gestalt des Dämons verführen und bis zur Besinnungslosigkeit hat vögeln lassen.« 

Die Worte hallen überlaut in Christians Ohren wider. Für einen kurzen Moment verschwimmt ihm die Sicht. Verblendende Eifersucht lässt seine Hände zittern, die er schnell zu Fäusten ballt, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen. Der Papst hat seinen wunden Punkt voll erwischt. Hat er das beabsichtigt?

»Ich hoffe sehr Priester Engel, dass die unange-messenen Gefühle, die Sie für diese Frau hegen, Sie nicht verblendet haben. Denn sollte dem so sein, haben sie das Schicksal der Welt besiegelt.« Benedikt Pius dreht sich mit seinem Stuhl um und greift nach etwas auf den Beistelltisch hinter ihm. Im nächsten Augenblick fliegt Christian ein Ausdruck eines Artikels der Tageszeitung »la Rebbulica« entgegen. 

Das Foto springt Christian regelrecht an und raubt ihm den Atem. Es zeigt eine Passagier-maschine, die vor wenigen Stunden über den österreichischen Alpen abgestürzt ist. Der Airbus A320 ist kaum wieder-zuerkennen. 168 Menschen haben innerhalb von Sekunden ihr Leben verloren. Hektisch fliegen die Augen des Priesters über den Artikel und mit jedem Wort, das er liest, verdichtet sich der Kloß in seinem Hals. 

»Ihre Entscheidung diese Frau vor dem Dämon zu retten, hat 168 unschuldigen Menschen bereits das Leben gekostet.«

Die Worte treffen Christian hart, betreten sieht er zu Boden. 

Er hatte es geahnt, dass der Dämon wütend sein würde, doch an die Konsequenzen dachte er nicht. Um ehrlich zu sein, interessierte es ihn auch nicht. Hannah zu beschützen, ist das, was für ihn zählt, denn ganz ohne Zweifel ist Hannah die Frau aus der Prophe-zeiung. Auch wenn er bislang keinen gesicherten Beweis für die Schwangerschaft hat. Sie ist es!

Das Herz schlägt ihm bis zum Hals, wenn er nur eine Möglichkeit hätte, Benedikt Pius zu überzeugen. Alles, was er tun kann, ist es nochmals zu wiederholen: »Ich weiß, dass Hannah die Richtige ist.« Entschlossen sieht er den Pontifex in die Augen. 

»Ich hoffe es mein Sohn. Wirklich. Ich hoffe es um ihretwillen und für die Menschheit.«

 



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