Die Kanzlei – HerzensAsche – Leseprobe

Prolog

Die Sonne zeigte endlich Gnade und war gerade dabei unterzugehen, damit sich die Erde von der Sommerhitze erholen konnte. In diesen viel zu heißen Junitagen begrüßte jeder Erdenbewohner die wohltuende Kühle der Nacht. Gleichzeitig bedeutete das Ende des Tages, dass Erebos Dienstschluss hatte – allerdings nicht heute. Stolz strich er sich über die schwarze Jacke seiner Galauniform und marschierte wie befohlen auf den Palast des Königs zu. Obwohl gerade frisch geduscht und rasiert, floss bereits nach wenigen Metern der Schweiß in Strömen über seinen Rücken hinab. Unangenehm sicherlich, doch Erebos war Soldat, ein Profi, der seine Befehle ausführte, egal unter welchen Umständen, bis zum bitteren Ende.
Nicht umsonst wurde ihm heute die Ehre zuteil, die Geburtstagsfeier der Kronprinzessin Oriana Rowan zu sichern. Der König befürchtete, seine Feinde könnten die Feierlichkeiten als Anreiz für einen neuen Angriff nehmen. Ein Gedanke, der für Erebos nicht ganz abwegig war. Denn wäre er der Befehlshaber der Gegenseite, würde er immer dann angreifen, wenn der König am verletzlichsten war – an einem Tag wie heute.
Da er noch nicht lange in der Armee des Königs diente, wusste er nicht, was auf ihn zu kam. Seine Kameraden rissen bereits den ganzen Tag schon Witze über die Hysterie des Königs und die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen. „Völlig übertrieben.“ „Die Rowans leiden an extremer Paranoia.“ „Wir machen uns einen lässigen Abend.“ „Zeitverschwendung – wenigstens stimmt die Bezahlung und ich kann einen Blick auf die Kronprinzessin werfen, damit ich später eine Wichsvorlage habe.“ Die Männer waren allesamt in laut dröhnendes Gelächter ausgebrochen. Erebos hatte schweigend in einer Ecke gestanden und schweigend beobachtet. Natürlich hatte er schon einiges über die Schönheit von Oriana gehört, doch so wirklich hatte ihn dieses Gerede nie interessiert. Sie war die Kronprinzessin, die Tochter des Königs, des Oberbefehlshabers der Armee in der er diente – Punkt.
Knurrend schob er die Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seine Aufgabe. In Gedanken ging er sämtliche gelernten Kampftaktiken durch. Bereit sein war alles. Seine Schritte beschleunigten sich und innerhalb kürzester Zeit hatte er den Weg von der Kaserne zum Palast zurückgelegt. Sein Puls legte einen Gang zu, als er die lange Treppe zur Eingangshalle hochlief. Als er durch die gläsernen Flügeltüren in das helle Foyer trat, raubte ihm der Anblick von Gold, bunten Mosaikfenstern und weißem Marmor den Atem.
Langsam drehte er sich einmal um die eigene Achse, um die ganze Schönheit des Bauwerks in sich aufzunehmen. Tief saugte er den Geruch nach Reichtum und Macht ein. In diesem Moment entfachte sich in seiner Brust ein Feuer, eine Sehnsucht, eines Tages ein Herrscher zu sein. Erebos war klar, dass es ein absurder Gedanke war, da er nicht dem Adelsstand angehörte. Er war nur ein kleiner, junger Soldat, ohne Familie und dennoch sagte etwas in seinem Kopf, dass, wenn er nur hart genug arbeiten würde, er alles erreichen konnte. Leise über sich selbst lachend, versuchte er, den Gedanken zu verdrängen. „Wenn ich mich nicht beeile, werde ich nicht mal mehr eine Soldatenlaufbahn vor mir haben“, murmelte er zu sich selbst und setzte seinen Weg zum Ballsaal fort.
Er erreichte die Tür und hörte ein lautes Gewirr von Stimmen und dezente Musik im Hintergrund. Die ersten Gäste waren bereits da. Er zwang sich zur Ruhe, zu einem professionellen Auftreten und schritt zielstrebig auf die Tür zu. In diesem Moment öffnete sie sich unerwartet, wie durch Zauberhand. Völlig überrumpelt blieb Erebos stehen und starrte die Kronprinzessin an, die gerade auf ihn zuschwebte.
Ihr hüftlanges schwarzes, seidigglänzendes Haar und ihr Geruch erinnerten ihn an Zartbitterschokolade. Ihre grünen Augen waren von einem blauen Schimmer durchsetzt und ließen ihren Blick kühl und distanziert wirken. Orianas elegante, große Gestalt überragte ihn ein kleines Stück und ihre vollen Lippen glänzten wie ein roter Apfel. Sein Blick blieb an den hohen Wangenknochen hängen, die ihrem Gesicht eine graziöse Erhabenheit verliehen. Das goldene Seidenkleid flatterte bei jeder Bewegung und der Stoff umschmeichelte ihre Weiblichkeit. Oriana Rowan glich einer Göttin. Gefangen von ihrem Anblick wusste er, dass er diese Frau wollte. Er wollte ihren verschwitzten nackten Körper unter seinem spüren und sie in den Wahnsinn der Lust treiben. Er wollte sie lieben, sie besitzen. Er wollte zu ihrem Gott werden.
Sie glitt lautlos an ihm vorbei und für einen kurzen Augenblick sahen sie sich direkt an. Tief drang Oriana Rowans Blick unter Erebos harte Schale. Sein vor Jahren erkaltetes Herz schien plötzlich aus seiner Starre zu erwachen. Von einer Sekunde auf die andere spürte er, wie das Leben mit jedem Schlag durch seine Adern floss und dass er mit dieser Frau an seiner Seite alles erreichen konnte.

Kapitel 1

– Fanny –

Gefangen in einer Art Bergwerk, befand ich mich nun viele Kilometer unterhalb der Erdoberfläche. Dieses dunkle Grab diente den Monrachs als Müllhalde, so hatte es Roman Brakov, der russische Vampirkönig, bezeichnet. Es war ein Ort, an dem sie ihre Feinde lebendig entsorgten. Vampire, die sie als Verräter bezeichneten, und mich. Tief gruben sich meine Finger in die Wand aus Lehm und Stein. Ich versuchte, mich festzuhalten, stark zu sein.
Das kann nicht das Ende sein. Es muss einen Ausweg geben. „Er ist nicht so grausam“, flüsterte ich verzweifelt in die einsame Finsternis und durchbrach die Totenstille. Obwohl es unmöglich war, hoffte ich, dass sich die Tür wieder öffnete und Oskar Monrach mir eine weitere Chance gewährte. Eine Allerletzte. Nie wieder werde ich mich ihm widersetzen. Egal was er will, ich werde es tun. Verzweifelt schloss ich die Augen.
Ich konnte ihn, das Echo seiner Emotionen, wie immer tief in meiner Seele spüren, seine Wut auf mich, die ich mehr als verdient hatte. Erwarte keine Gnade von mir, hallte die Erinnerung an seine Stimme durch meine Ohren und gleichzeitig brach eine riesige Welle seines abgrundtiefen Hasses über mir zusammen. Es gibt keine weitere Chance für mich. Tränen bahnten sich ihren Weg über mein Gesicht, meine Seele brach. Ich rutschte an der Wand entlang zu Boden, auf dem ich mich zusammenrollte, hoffte, dass die Erde Mitleid mit mir hatte und mich verschlang, damit diese Hölle endete, bevor sie begann.
Steh auf, dröhnte es irgendwann durch meinen Verstand. Hier zu liegen hilft dir nicht. Wie auf Kommando knurrte mein Magen und meine Kehle brannte vor Durst. Der natürliche Überlebensinstinkt erwachte, mein Körper schrie nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse. „Warum erst jetzt? Warum nicht schon, als ich mich dazu entschieden hatte, Patrick zu helfen?“, schrie ich los. „Warum hast du mich nicht gewarnt?“ Hilflos vor Verzweiflung schlug ich mit der Faust auf den Boden, bis mir die Kraft ausging. Anschließend rollte ich mich erschöpft auf den Rücken und starrte auf die Decke meiner Grabstätte. „Wozu noch weiterkämpfen?“, flüsterte ich. Damit du das hier überlebst. „Diese Hölle kann man nicht überleben! Es ist vorbei. Endstation.“ Steh auf! Steh auf! STEH AUF!

Die Stimme donnerte die Worte unablässig durch meine Gedanken bis ich gehorchte. Mit brennenden Augen und letzter Kraft rappelte ich mich hoch und setzte mich in Bewegung. Wankend stolperte ich wie blind mit nackten Füßen durch das dunkle, verwinkelte Labyrinth aus endlosen Gängen, mit großen und kleinen Höhlen. Dabei musste ich mich immer wieder an der rauen, erdigen Wand abstützen und entlangtasten, um nicht hinzufallen. Ein scheinbar endloser Gang führte in den nächsten, ohne das sich die Umgebung sichtlich änderte. War ich hier nicht schon? Auch nach einer gefühlten Ewigkeit gab es nichts außer weiteren Abzweigungen, die in weitere dunkle Gänge oder Höhlen führten. Es war ein Irrgarten aus Lehm und Stein, nichts zu essen, nichts zu trinken. Nichts. Die stickige Luft roch nach Moder und Tod, wodurch mir das Atmen zunehmend schwerer fiel.
Neben Hunger, Durst und Atemnot quälten mich bald meine Erinnerungen. Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich schloss die Augen und spürte die Umarmung meines Bruders in dem Transporter auf dem Weg zum Flughafen, seine Wärme, seine Stärke, seine Zuneigung. Es hatte sich echt angefühlt. Je länger ich über Patrick nachdachte, desto stärker wurde das Gefühl zu ersticken. Daher musste ich stehen bleiben, um meine Atmung wieder in den Griff zu bekommen. Ein großer Druck lastete auf meiner Brust, als würde ein tonnenschwerer Stein auf mir liegen. Daher bückte ich mich und legte die Hände auf die Knie. Ihr habt genug Zeit euch kennenzulernen, hallte Brakovs Stimme höhnisch in meinen Gedanken wider. Er hatte mich freundlich angelächelt, als er das sagte. Alles Lüge. Es war alles nur eine Lüge, die mich letztendlich hierher gebracht hatte. Als wollte mein Verstand mir endgültig den Rest geben, zeigte er mir Nithard, seinen eiskalten, grausamen Blick als er mich einschloss und damit mein Schicksal besiegelte. Mein Herz schmerzte, als ob tausend Glassplitter es durchbohrten, während meinen Körper die Kräfte verließen und ich hilflos auf den Boden plumpste. Dabei bildete ich mir ein, die schweren Arme meines Bruders auf meinen Schultern zu spüren, die mich nun gnadenlos immer tiefer in den Dreck drückten. Erneut wurde ich von einem Weinkrampf durchgeschüttelt, bis ich das Bewusstsein verlor und in die finstere Leere glitt.

– Oskar –

22. August, später Nachmittag

Die letzten vierundzwanzig Stunden hatte ich damit zugebracht, teuren Bourbon zu trinken, und meine neue Assistentin, Lauren Crownblow, auf dem Schreibtisch in meinem offiziellen Büro in der Kanzlei zu vögeln. Gerade rekelte sich ihr nackter Körper unter meinem und ihre samtene Haut glänzte im Sonnenlicht. Winzige Schweißperlen kullerten über ihre Brüste und ich fing sie mit meiner Zunge an ihren spitzen Nippeln auf. Ich reizte sie gekonnt und brachte sie an den Rand des Orgasmus, nach dem sie sichtlich bettelte. Den Kopf in den Nacken gelegt, stöhnte sie vor Lust und der Laut ließ meinen Penis in heißer Erwartung pulsieren.
Doch egal wie erregend die Frau unter mir auch war. Egal, wie weit sie mich in die Ekstase trieb, sobald ich meine Augen schloss, sah ich Fanny vor mir. Ängstlich sah sie mich an. Ein vertrauter Blick aus den blaugrünen Tiefen ihrer Augen. Je länger ich an ihrem Bild in meinen Gedanken festhielt, desto deutlicher spürte ich das Echo ihrer Angst und ihrer Verzweiflung in mir. Es war nur ein schwacher Abklatsch von dem, was ich kennenlernen durfte, eine fast unwirklich scheinende Facette dessen, was wir zusammen sein konnten und waren. Sie ist die zweite Hälfte meiner Seele. Der Gedanke drückte schwer in meiner Brust und bevor ich mich vollkommen darin und in Fannys Emotionen verlor, riss ich die Augen auf.
Sie war weg – unwiderruflich. Ich bin hier und ficke gerade eine verdammt heiße Vampirin. Ich habe Fanny besiegt, bevor sie mich zu Fall bringen konnte. Ich habe gewonnen. Unbewusst wurden meine Bewegungen schneller und mein Puls beschleunigte sich. Nun war ich der, der um die Erlösung bettelte. Ich drehte Lauren abrupt auf den Bauch, weshalb diese leise ächzte. Doch das war mir egal, ich heftete meinen Blick auf ihren göttlichen Arsch. Hart und schnell drang ich mehrmals hintereinander in sie ein. Die befreiende Welle nahte heran.
Nur dumpf drang ein Pochen an meine Ohren, dessen Ursprung ich nicht ausmachen konnte. Daher ignorierte ich es und konzentrierte mich auf das, was ich jetzt am nötigsten brauchte. Doch im letzten Moment blieb mir die Erlösung verwehrt.
Die Tür zu meinem Büro wurde jäh aufgestoßen und plötzlich stand Dominik Baylon mitten im Raum. Lauren schrie entsetzt auf und zappelte wild auf dem Schreibtisch. In der gleichen Sekunde stieß ich mich von ihr ab, zog hastig meine Hose hoch und knöpfte sie zu. Ungalant kam Lauren neben mir auf die Beine und fingerte hektisch an ihrem grauen Kostüm herum.
Dominik stand fassungslos da und sein Blick schoss mir all die Vorwürfe entgegen, die er sich nicht traute auszusprechen. Seit er aus Wien zurück war, hatte er mich, soweit es ging, gemieden und auch unsere Unterhaltungen beschränkten sich lediglich auf das Tagesgeschäft. Er wirkte mehr als angepisst und es lag eine körperlich spürbare Anspannung zwischen uns. Das war nicht gut.
Mein Penis protestierte schmerzhaft gegen das abrupte Ende und ich sah Lauren dabei zu, wie sie peinlich berührt, mit hoch rotem Kopf aus dem Büro verschwand. Erneut begegnete ich Dominiks unerbittlichem Blick und tiefe Scham stieg in mir hoch. Dieses Gefühl musste ich schnellstens überspielen. „Fünf Minuten Verspätung und wir hätten uns die Peinlichkeit sparen können“, maulte ich ihn an, griff nach dem halb vollen Glas Bourbon, das erstaunlicherweise noch seitlich auf meinem Schreibtisch stand, und leerte es auf ex. „Wenn du mal Notstand hast, kann ich dir Miss Crownblow wärmstens empfehlen.“ Ich schickte ein kumpelhaftes Lachen hinterher, um die Stimmung aufzulockern – ohne Erfolg. Bedauerlicherweise setzte nun auch wieder der Schmerz in meinem Inneren ein, in einer Intensität, die es mir schwermachte, ihn zu ignorieren.
Der Vampir vor mir schnaubte leise und verächtlich. „Danke, aber kein Bedarf. Sie wollten mich sprechen, Herr“, lenkte er das Gespräch auf den Grund seiner Anwesenheit.
Der kühle Unterton in seiner Stimme sagte mir, dass die Zeit für Nettigkeiten vorbei war. Fest presste ich die Kiefer zusammen und bemühte mich, die aufsteigende Wut über seine Respektlosigkeit zu zügeln. „Ja. Dominik, ich denke wir sollten reden“, begann ich, um einen neutralen Ton bemüht.
„Herr?“, fragend und gleichzeitig überrascht hob er die Augenbrauen an, den Blick direkt auf mich gerichtet. „Worüber wollen Sie denn reden?“
„Über das, was dich beschäftigt“, begann ich und fühlte mich plötzlich hilflos wie ein Kind. „Es ist offensichtlich, dass du über irgendetwas verärgert bist seit deiner Rückkehr aus Wien.“
Völlig unpassend begann Dominik zu lachen. Ein hilfloses, schier verzweifeltes Lachen, das mir die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Ein dicker Kloß bildete sich schlagartig in meinem Hals. „Herr, ich bin nicht verärgert, sondern tief traurig, enttäuscht.“ Eine längere Pause entstand, in der er mit sich kämpfte. Doch schließlich fuhr er fort. „Was immer Fanny getan hat, dieses Ende hat sie nicht verdient. Und wenn ich sehe, wie sie nun diese Schlampe vögeln, möchte ich kotzen. Sie wissen, dass Lauren Crownblow für ihren Vater arbeitet, ihn über jeden Ihrer Schritte auf dem Laufenden hält?“
Es geht um Fanny – natürlich. Seine Offenheit verschlug mir die Sprache. Mehr noch, die Wahrheit war, dass mich seine direkten Worte trafen, wie ein Schlag mit der Faust mitten ins Gesicht. Von Anfang an hatte Dominik sie ins Herz geschlossen, daher schmerzte ihr Verlust ihn ebenfalls. Doch würde er die Wahrheit kennen, würde er meine Entscheidung verstehen. Sie hat mich betrogen und verraten. Sie hat diesen dreckigen Köter befreit. Doch es auszusprechen, es ihm zu erklären, würde meine Schande nur noch größer machen. Daher schwieg ich. Was Lauren anging, so ahnte ich, dass die Vampirin etwas verschwieg. Doch wenn ich ehrlich war, interessierte es mich auch nicht, da sie mir ihren Körper freiwillig anbot. Freiwillig, ohne Angst oder Geld von mir dafür zu verlangen. Noch nie hatte eine Frau das getan. Nun weiß ich warum: Sie steckt mit Vater unter einer Decke. Erebos bezahlt sie dafür. Nur mühsam konnte ich die Wut kontrollieren, die sich in einem Knurren melden wollte. „Ich bin kein Idiot, Dominik“, log ich schließlich heiser.
„Oh Herr, das bezweifle ich“, Dominiks Blick wurde tadelnd. „Das bezweifle ich sogar sehr. Sie haben die letzte Überlebende der königlichen Blutlinie auf der Müllhalde entsorgt. Die letzte Chance, das alte, gebrochene Versprechen einzulösen, die Geschlechter untereinander auszusöhnen, damit das Volk in eine bessere Zukunft geführt werden kann. Mit ihr hätten Sie den Widerstand auf Ihre Seite ziehen können. Sie haben die Frau, einen Menschen, lebendig begraben. Sie wissen genauso gut wie ich, dass Fanny Ihre Rettung gewesen wäre. Doch nun ist alles verloren.“
Er weiß es. Er kennt Fannys Wahrheit. Woher? Ohne es kontrollieren zu können, begannen meine Hände zu beben, die Wut gewann gegen meine Beherrschung und ließ meine Halsschlagader bedrohlich pochen. „Was redest du da für einen Blödsinn, Dominik“, herrschte ich ihn an.
„So, Blödsinn? Wenn ich mir Ihre Körpersprache ansehe, weiß ich, dass ich richtig liege, Sir.“
Das war´s, ich stürzte mich auf ihn. Dominik war völlig überrumpelt von meinem Angriff, sodass ich ihn ohne viel Kraftaufwand von den Beinen werfen konnte und er rücklings auf den Boden fiel. „An deiner Stelle würde ich mir nun gut überlegen, was ich sage.“, knurrte ich drohend über ihm.
Er starrte mich fassungslos an. „Sie drohen mir?“
Ich beugte mich über ihn und packte ihn am Kragen. „Wenn du es so nennen willst, ja. Ich habe alles getan, um die, die du liebst, vor deiner Familie zu schützen. Ich habe ihnen alle Annehmlichkeiten zukommen lassen. Doch wenn du denkst, du kannst respektlos werden, mich gar herausfordern, dann werde ich nicht zögern, dir alles zu nehmen, was dir wichtig ist, Dominik Baylon. Ich werde dich zerstören, also lege dich nicht mit mir an.“ Dominik schluckte hörbar und seine Augen spiegelten seine Urangst um seine geheime Familie wider. Angewidert stieß ich ihn nun von mir und ging zurück zu meinem Schreibtisch. Er sollte seine Lektion gelernt haben.
Zögernd kam er wieder auf die Beine und stand nun mit hängenden Schultern vor mir. „Das ist alles, was Sie können, nicht? Angst und Schrecken verbreiten, Loyalität mit Drohungen erpressen. Am Ende wird jedoch alles und jeder zerstört.“ Tränen ließen die braunen Augen des großgewachsenen Vampirs glänzen. „Ich denke, es wurde alles gesagt und ich habe es verstanden, Sir. Kann ich nun gehen?“
Wortlos nickte ich. Ohne Zeit zu verlieren, machte er auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Büro. Ich hatte ihm erfolgreich seine Grenzen gezeigt, und dennoch fühlte es sich an, als hätte ich verloren.

Kapitel 2

30 Jahre früher

Bereits vor der Tür konnte der Vampirlykaner Gabriella Clarretts sich überschlagende und schrill klingende Stimme hören. Der Tod ihres Gefährten Daniel Glay vor wenigen Tagen ließ sie den Verstand verlieren. Der Mann, den sie alle Hobbs nannten, hatte versucht, ihm zu erklären, warum das so war. „Daniel war Gabriellas zweite Hälfte“, hatte er ihm gesagt. „Deshalb ist sein Verlust für sie so unerträglich. Es scheint fast, als würde sie selbst an ihrer Trauer sterben.“ Doch mit dieser Erklärung konnte Patrick nichts anfangen. Er selbst vermisste seinen Vater auch, obwohl er Daniel nie Vater hatte nennen dürfen, obwohl es genetisch gesehen sogar der Richtigkeit entsprach. Andererseits vermisste er auch all seine Brüder, die in dem Kampf gegen die Monrachs täglich geopfert wurden. Von daher hatte er sich an das Gefühl der Trauer bereits gewöhnt und konnte sich sein Leben ohne dieses Gefühl gar nicht vorstellen. Er hatte, um sie zu ehren, heimlich eine Liste mit all ihren Namen angefertigt, die er in seiner Jackentasche versteckte und somit immer bei sich trug. Denn es schien, als würden die Vampire nicht um die Toten trauern. Er hatte sich dies so erklärt, dass die Vampire diese Emotion gar nicht empfinden konnten. Daher war er von Gabriellas plötzlichem impulsiven und emotionsgeladenen Verhalten nach Daniels Tod sehr überrascht.
„Wo ist Zacharias?“, hörte er Gabriellas Stimme durch die geschlossene Tür.
„Meine Königin, das weißt du doch“, erkannte er Hobbs ruhige Stimme. „Der Arzt hat das sinkende Schiff verlassen und die Seiten gewechselt. Er kriecht Erebos vermutlich gerade in den Arsch. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, töte ich ihn. Darauf kannst du dich verlassen.“
„Zacharias hat die Seiten gewechselt?“, fragte sie mit tränenerstickter Stimme nach. „Nein … niemals“, schrie sie im nächsten Moment und man hörte Stühle umfallen.
Tief sog Patrick die Luft in seine Lungen und erinnerte sich an seinen Auftrag. Er durfte nicht länger Zeit verlieren. Daher ging er zielstrebig auf die Tür zu, klopfte und trat, ohne auf die Erlaubnis zu warten, ein. Er sah die Königin, seine genetische Mutter, mit zerzausten, wirr abstehenden Haaren, dicken, fast schwarzen Ringen unter den blaugrünen Augen, aus denen ihm der Wahnsinn entgegenblickte. Sie war kreidebleich im Gesicht, welches vor Schmerz verzerrt war. Mit ihren Händen hielt sie den Stuhl hoch und stürmte damit auf Hobbs zu. Der Vampir stand ruhig da und es wirkte, als würde sich dieser gegen den kommenden Schmerz wappnen. Der Söldner verwirrte Patrick, er hätte Gabriellas Angriff ohne große Mühe stoppen können, doch er tat es nicht. Er ließ es zu, dass sie sich in ihrem Schmerz an ihm austobte. Er ließ zu, dass sie ihn verletzte. Es war verstörend. Patrick räusperte sich laut, um die Aufmerksamkeit der beiden auf sich zu ziehen und seine Gedanken zu sammeln. „Entschuldigt die Störung, doch …“, begann er.
„Wie kannst du es wagen“, schrie Gabriella ihn hasserfüllt an und wählte ihn nun als neues Ziel aus. In der nächsten Sekunde flog der Stuhl auf Patrick zu. Doch er duckte sich geschickt, sodass der Stuhl ihn um Haaresbreite verfehlte und an der Wand zerbrach. Ihr Blick schoss ihm ihre Verachtung entgegen. „Du elendiges Monster“, zischte Gabriella weiter und wollte auf ihn zustürzen. Fieberhaft überlegte Patrick was er tun sollte. Sein Instinkt wollte, dass er sich gegen seine Mutter verteidigte, doch wäre das das Richtige?
Noch bevor er sich entschieden hatte, schritt Hobbs ein. „Königin. Halt!“ Er fing sie nun ein und schlang seine Arme um sie. Sie kreischte wie eine Krähe, die gerade bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. „Was gibt es, Patrick?“, fragte Hobbs gelassen über das Gekreische hinweg.
„Monrachs Armee wird in wenigen Minuten hier eintreffen. Die Männer sind alle auf ihren Verteidigungsposten. Doch wir sind geschwächt.“ Er richtete nun den Blick auf seine Mutter und das Herz in seiner Brust wurde schlagartig schwer. „Wir können nicht für ihre Sicherheit garantieren und müssen sie auffordern zu gehen. Sofort.“ Das war sein Auftrag, er musste seine Mutter davon überzeugen zu fliehen.
„Dieser Bastard soll nur kommen“, lachte Gabriella hysterisch und begann erneut gegen Hobbs zu kämpfen. „Ich werde ihm das Gleiche antun, was er Daniel angetan hat.“
Hobbs atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. „Meine Königin“, begann er und Patrick konnte nicht verstehen, dass er noch immer die Ruhe in Person war. „Du wirst deine Rache bekommen, das verspreche ich dir. Du weißt, dass ich meine Versprechen immer halte. Doch heute ist nicht die Zeit dafür. Du musst an dich denken, an deine eigene Sicherheit. Daniel hätte nicht gewollt, dass du ihm in den Tod folgst.“ Er lächelte sie warm an. „Zumindest nicht bevor die Monrachs vernichtet wurden. Wir müssen an unsere Mission denken, an das Volk. An dein Volk, das dich braucht, das du befreien musst. Das ist deine Aufgabe, Königin.“
Unbewusst begann Patrick zu nicken. Hobbs hatte recht, bleibt sie, würde sie sterben, und damit auch ihre Mission. Dies war der einzige Grund, weshalb er am Leben war. „Bitte geh, Mutter.“ Zum ersten Mal in seinem Leben sprach er das Wort aus. „An dir hängt alles. Mit dir steht und fällt unsere Mission. Du musst leben, damit wir am Ende siegen und die Monrachs für ihre Taten und Vaters Tod bestrafen können.“
Gabriella riss entsetzt die Augen auf. „Ich bin nicht deine Mutter“, spie sie ihm entgegen, „und Daniel nicht dein Vater. Du bist nur eine Waffe. Eine Waffe, die nicht zu gebrauchen ist. Hättest du funktioniert, dann wäre Daniel noch am Leben und die Monrachs längst tot. Du bist schuld an allem.“
Patrick schluckte schwer. „Dann lass mich meine Fehlfunktion gut machen. Ich halte sie auf, damit du fliehen kannst.“
Gabriella brach in Tränen aus und stürzte sich an Hobbs Brust. Dieser nickte Patrick zu. „Ich kümmere mich um sie und bringe sie hier raus.“
„Ich verschaffe euch die Zeit, die ihr benötigt“, wie gelernt salutierte er zum Abschied und wusste, dass er seine Mutter zum letzten Mal gesprochen und gesehen hatte.

21. August
In Brakovs Flugzeug über den Wolken auf dem Weg nach Moskau

„Wo ist Fanny?“, Patricks Brüllen schien die Wände des Flugzeugs vibrieren zu lassen und wie zum Beweis seines Zornes erhellte draußen vor dem Fenster ein Blitz die Nacht. Die Hände schmerzhaft zur Faust geballt versuchte sein Verstand, die Wirklichkeit zu leugnen. Doch der Schmerz des Verlustes breitete sich bereits kalt in seinem Herzen aus.
Roman Brakov, der russische Vampirkönig, sah verwirrt und entsetzt zwischen seinen Begleitern hin und her. Offenbar versuchte auch er, die Dinge zu verstehen und die Realität zu leugnen.
„Patrick beruhige dich“, hörte er Julitta säuseln, während sie sich an seine Rückseite drückte.
Wie konnte sie das von ihm verlangen? Verstand sie nicht, dass es um seine Schwester ging, sein Blut? Fanny hatte ihn gerettet! Mit einer wilden Bewegung mit seinem Arm schubste er Julitta grob von sich.
Nithard Monrach stand etwas abseits von ihnen, nervös trat er von einem Bein auf das andere, darum bemüht die Situation zu erklären. „Ich musste sie zurücklassen, ansonsten hätte Oskar uns alle erwischt und getötet“, wiederholte er nun schon zum x-ten Male, doch wurde er immer leiser dabei.
Monrachs Selbstsicherheit bröckelte und Patrick konnte den Gestank von Angst und Lüge an ihm riechen. „Du lügst“, fauchte er Nithard an und hechtete sich auf ihn. Julitta schrie auf und unter dem knackenden Geräusch brechender Knochen landete die Faust des Vampirlykaners mitten im Gesicht des Vampirs. „Du dreckiges Arschloch. Du hast sie ihm absichtlich überlassen. Nach allem was sie getan hat, hast du sie deinem bestialischen Bruder überlassen.“ Nur am Rande bemerkte Patrick, dass sich seine Stimme vor Hass, Verachtung und Verzweiflung überschlug. Er spürte die Angst und Sorge um Fanny in jeder Zelle seines Körpers. Wer wusste schon, was Oskar Monrach in seinem Zorn mit ihr tat. In seinen Augen brannten Tränen, zum ersten Mal in seinem Leben. „Sie ist ein Mensch und ihm völlig schutzlos ausgeliefert. Sie ist schutzlos.“ Diese Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag in den Bauch, ihm wurde übel und er musste kotzen. Ohne anders zu können, beugte er sich vornüber, stützte seine Hände auf den Knien ab und kotzte sich die Seele aus dem Leib, direkt auf Nithards Schuhe.
Zitternd, mit Tränen in den Augen, drehte sich Julitta angewidert von Patrick weg. Auch bei ihr konnte er das schlechte Gewissen in ihren grauen Augen sehen. Sie hatte ebenfalls etwas damit zu tun.
„Patrick“, begann Brakov und holte ihn aus seinen Gedanken. Sein Freund seufzte, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, wagte es jedoch nicht, sich ihm zu nähern. „Sobald wir in Moskau gelandet sind, werde ich unseren Informanten kontaktieren und vielleicht können wir herausfinden, wo Oskar Fanny hat hinbringen lassen.“
Schwer atmend erhob sich Patrick und richtete sich zu seiner vollen Größe von über zwei Metern auf. „Du weißt genau, dass er sie entsorgen wird“, brüllte Patrick los. „Wir kehren auf der Stelle um.“ Der Ernst in seiner Stimme ließ die Luft im Flugzeug scheinbar zu Eis gefrieren.
Julitta japste erschrocken und schüttelte den Kopf. „Wir können nicht zurück, Patrick.“
Auch Nithard wurde kreidebleich. „Julitta hat recht, wir können nicht zurück. … Mein Vater und Oskar werden uns alle töten.“
Patricks Blick ging voller Verachtung zwischen Julitta und Nithard hin und her. Hart. Ohne Mitgefühl. „Und wen interessiert das? Wir fliegen zurück.“
Nun schaltete sich Brakov ein. „Patrick sei kein Narr. Das wäre Selbstmord. Außerdem würde Erebos mir den Krieg erklären und das kann und werde ich nicht zulassen.“ Mit einer dominant wirkenden Ruhe ging er auf den Vampirlykaner zu und legte ihm seine Hand in den Nacken, was diesen sofort zu beruhigen schien. „Wir werden nicht umkehren, hast du mich verstanden?“ Die Männer sahen sich eindringlich in die Augen. Schließlich nickte Patrick matt, fügte sich geschlagen dem Willen seines Freundes. Ein erleichtertes Lächeln überzog Brakovs Lippen für einen kurzen Augenblick. „Deine Schwester ist die zweite Hälfte von Oskars Seele, er wird sich sehr gut überlegen, ob er sie entsorgt. Wir haben genug Zeit und wir werden eine Möglichkeit finden, Fanny von Oskar zu befreien. Das verspreche ich dir, mein Freund.“