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Leseprobe:

Prolog

Die Nacht ließ jeden einzelnen Baum des Waldes wie ein Schreckgespenst aus einem der schlimmsten Albträume wirken und kalt peitschte der Regen zu Boden. Babygeschrei durchbrach die Finsternis und jagte auch dem kleinsten Waldbewohner einen Schauder über den Rücken.
»Bitte kümmert euch gut um sie«, die Stimme zitterte und sie versuchte nicht zu Schluchzen.
Ängstlich blickte er seiner Ehefrau ins Gesicht. Zum ersten Mal stand sie seiner Affäre gegenüber. Es lagen zermürbende Monate hinter ihnen. Streit und Vorwürfe. Schließlich hatte sie zugestimmt, dass Produkt seiner Untreue bei sich aufzunehmen.
Nun standen sie hier, mitten in der Nacht im Wald und starrten das wenige Stunden alte Wesen an. Klein, hilflos. Eingewickelt in eine flauschige rosa Decke, schrie sich das Baby die Seele aus dem Leib.
»Sind Sie sich ganz sicher?«
Die Frage war zu viel, um länger die Fassung zu bewahren. Ein lauter Schluchzer hallte durch die Nacht. »Ja. Sie hat bei mir keine Zukunft.« Vorsichtig wurde das Baby übergeben. »Bitte passen Sie gut auf mein Mädchen auf und versprechen Sie mir, dass sie niemals von mir erfahren wird.« Ein eindringliches Flehen lag in dem Blick ihrer blaugrünen Augen. Mit zitternden Händen zog sie einen Umschlag aus der Innentasche ihres Mantels. »Darin sind alle offiziellen Dokumente. Ab jetzt sind Sie ihre Mutter und ich existiere nicht.«
Ein dicker Kloß setzte sich im Hals des Vaters fest. Kaum merklich schüttelte er sich und kämpfte räuspernd gegen die Beklommenheit an, die sein Herz umfing. »So haben wir es besprochen«, erinnerte er laut, während er den Umschlag entgegennahm und den Arm um seine Ehefrau legte. »Unsere Tochter wird es gut haben.«
»Wie heißt sie?«
»Das dürfen Sie entscheiden«, und ein letztes Mal streichelte sie liebevoll über die Stirn des Babys, bevor sie für immer in der Dunkelheit verschwand.

 

Kapitel 1


- Oskar Coeus Monrach -

New York, Anfang April

Die Nacht durchzog eine frostige Kälte und der Wind brauste durch die leeren Straßen. In dieser Aprilnacht schickte niemand seinen Hund vor die Tür. Leise lachte ich auf, der Vergleich gefiel mir.
Ich betrachtete Jenna Montegrimm im Schein der Straßenlaternen. Zitternd lag sie mir zu Füßen, wie ein Schoßhündchen. Der knielange schwarze Rock war zerrissen und ihre Knie aufgeschlagen, langsam färbte sich ihre Strumpfhose rot. Matsch besudelte ihre weiße Haut. Die langen Locken klebten an ihr, als wäre sie gerade aus der Dusche gekommen und die Angst ließ ihre braunen Augen riesig wirken. Ich sah direkt in ihr verlogenes Selbst und es widerte mich an.
»Bitte, Sir. Ich wusste nicht ... bitte ...«, stammelte sie verzweifelt.
Ihr Wimmern um Gnade klang beleidigend in meinen Ohren. Sie glaubte offenbar, dieses Gewinsel würde ihr jetzt helfen, heil aus der Sache herauszukommen. Unweigerlich musste ich lauthals lachen, und es hallte von den Mauern der verlassenen Gebäude wider. Mit einer Hand packte ich sie an dem Kragen ihrer beigefarbenen Seidenbluse und zog sie ruckartig auf die Beine. Leise hörte man den feinen Stoff zerreißen. »Ach Schätzchen, das wollen Sie mir wirklich weismachen. Sie wussten es nicht. Bitte hören Sie auf, mich für dumm zu verkaufen. Lassen wir die Spielchen«, raunte ich ihr ins Ohr und fühlte, wie ihr Atem mit jeder Silbe mehr ins Stocken geriet.
Mein Blick streifte die goldene Rolex an meinem Handgelenk. Verflucht mir lief die Zeit weg. Leider konnte ich mich ihr nicht so widmen, wie sie es verdient hätte. »Nun ... zum letzten Mal, wo sind die Unterlagen?«
»Ich ... habe ... sie ... nicht. Bitte glauben Sie mir, Mr. Monrach«, versicherte sie mir unter einer Flut von Tränen.
Meine Wut loderte auf. Die Kleine wollte mich verarschen. Ich wirbelte herum und schleuderte sie gegen die Mauer. Deutlich konnte ich ein leises Knacken in ihrem Oberkörper hören. Recht so. Das Miststück war gerade dabei sich wieder aufzurappeln, als ich sie an den Schultern packte und hochzog. Sie erstarrte in meinen Händen und ihr Herzschlag dröhnte durch die Nacht wie Donner. »Dann streng dein Köpfchen an. Klauen konntest du sie ja auch«, zischte ich.
Nach Luft japsend zappelte sie wie ein Fisch im Netz. Ihre Todesangst versüßte die eisige Luft. Langsam begann sie zu verstehen, dass es kein Entkommen für sie gab.
»Bitte ... Sir ...«
»Zum letzten Mal«, fauchte ich und legte meine Hand an ihre Kehle. Meine Geduld war am Ende. Ohne großen Kraftaufwand drückte ich zu und fühlte ihren rasenden Puls. Verzweifelt kämpfte sie darum, meine Finger zu lösen. Wie süß, ich musste grinsen.
Keine zwei Minuten später gab sie ihren Widerstand bereits auf. »In ... meiner Wohnung ... hinten ... im Kleiderschrank«, keuchte sie mit letzter Kraft und in ihren Augen flammte für eine Sekunde die Hoffnung auf Rettung auf.
»Vielen Dank«, flüsterte ich, während ihre Halswirbelsäule knackte wie ein Streichholz, dass man in der Mitte auseinanderbricht.
Aus ihren Augen entwich das Leben und ihr Herz verstummte. Keine Lügen mehr. Ich ließ den leblosen Körper fallen und ging zurück zum Wagen.

Der Chauffeur sprang aus der Limousine, als er mich in der Dunkelheit erkannte und hielt mir die Tür auf, damit ich einsteigen konnte.
Im Inneren umfing mich sofort der Duft nach Sex; zügellosem, animalischem Sex, bei dem man dem Partner nicht das geringste schenkte. Dieser Duft allein hatte mich vor mehreren Jahrhunderten in Flammen setzen können. Grimmig sah ich meine Angetraute an. Der schwarze Kaschmirmantel schmiegte sich an ihre Konturen und hob ihre weiblichen Vorzüge hervor. Ihre roten Haare fielen ihr in großzügigen Wellen über die Schultern und ihre stahlgrauen Augen ruhten triumphierend auf mir. Tief brannte sich ihr Blick in meine Haut.
»Wurde auch langsam Zeit, Oskar«, begrüßte Julitta mich belustigt. »Dein Vater wird sicherlich begeistert sein, wenn wir ihn noch länger warten lassen. Vor allem in dieser Situation.« Mit einem Knall fiel die Fahrertür ins Schloss und im gleichen Augenblick setzten wir uns in Bewegung. Noch bevor ich ihr antworten konnte, setzte sie ihre Sticheleien fort. »Und wo sind die Unterlagen? Hatte das Miststück sie in der Unterwäsche versteckt?«, fragte sie kichernd. Natürlich würde sie weiter Salz in meine Wunde streuen und mich meine Unachtsamkeit nicht vergessen lassen. Nicht in den nächsten fünfhundert Jahren. Dazu liebte sie es zu sehr mich quälen zu können. Fest presste ich die Zähne knirschend zusammen. Überheblich betrachtete sie mich von oben herab und grinste boshaft. »Soll ich mich mal wieder darum kümmern? Ich bin es ja gewohnt deinen Arsch zu retten.« In ihren Augen blitzte es auf.
»Danke, nicht nötig. Ich habe alles unter Kontrolle.«
Sie lehnte sich zu mir und raunte mit rauchiger, verruchter Stimme: »Oh mein Schatz, das bezweifle ich. Wollen wir hoffen, dass du mit dem Auffinden der Unterlagen erfolgreicher bist, als mit dem Aufbewahren.« Die Spitzen ihrer Worte trafen mich, wo sie es beabsichtigt hatte – genau in meiner Mitte, meinem Stolz.
Ich fühlte die Scham über mein Versagen, wie giftige Säure brannte sie mir in den Venen. Der Drang ihr den Kopf abzureißen wurde unerträglich. Allerdings hätte ich dann noch mehr Ärger am Hals. Mein Vater verehrte meine Gattin. Sie bedeutete ihm mehr als ich oder mein Bruder; und niemals vergab er einen Frevel gegen sich oder das, für das er etwas übrig hatte.
Wissend, dass ich ziemlich tief in der Scheiße steckte, lächelte ich verkniffen zurück und sparte mir die Luft, die jedes weitere Wort vergeudet hätte. Ich musste nachdenken und die nächsten Schritte planen, bevor meine Dummheit noch endgültig in einer Katastrophe endete.

***

- Franziska “Fanny” Raigen -

Passau, 21. April

Der Kopf schmerzte, meine Nase tropfte unentwegt und die Ohren waren ebenfalls zu. Ich hatte mir eine saftige Erkältung eingefangen. Allerdings auch kein Wunder, denn für April war es dieses Jahr noch ziemlich kalt. Warum war ich eigentlichen nicht zuhause geblieben? Da ich jedoch über die Antwort nicht nachdenken wollte, konzentrierte ich mich einfach darauf wachzubleiben.
»Frau Raigen«, rief mein Chef aufgeregt durch das Büro, seine eiligen Schritte klapperten auf dem abgenutzten Parkettboden. »Frau Raigen? Wo sind sie?«
Seufzend sah ich von der Zwangsvollstreckungsakte auf und legte sie beiseite. »Hier, Herr Meier.«
Er huschte an der Bürotür vorbei, stoppte in der nächsten Sekunde abrupt und kam zurück. »Ah, da sind sie.« Er hielt inne und blickte mich verdutzt an. »Alles in Ordnung? Sie sehen erschöpft aus?«
»Nein, passt schon. Alles gut«, wiegelte ich ab.
»Hatten sie wieder Albträume?«
Ja, doch das ging ihn nichts an, daher schüttelte ich vehement den Kopf. »Ich komme in dem Inkassofall nicht weiter.«
Herr Meier warf einen flüchtigen Blick auf die Akte und nickte, er kannte die Angelegenheit bereits seit Jahren. »Oh ich bin mir sicher, Ihnen fällt noch das Richtige ein.« Nun breitete sich ein freudiges Lächeln auf dem runden Gesicht meines Chefs aus. »Immerhin sind sie die Beste auf diesem Gebiet.«
»Die Beste?«, fragte ich verwirrt nach. Wie kam er darauf?
»Ja, ja. Das dürfen Sie mir schon glauben. Und hier ist der Beweis dafür.« Mit ausladender Geste überreichte er mir ein bereits ziemlich zerknittertes Schreiben, auf dem groß der Briefkopf der Berliner Geschäftsstelle prangte.

... Berlin, 20. April
Sehr geehrter Herr Meier,
In den letzten Jahren haben Sie sehr zum Erfolg der Kanzlei Monrach Inc in Deutschland beigetragen. Um Ihre Verdienste für das Unternehmen auszuzeichnen, laden wir Sie hiermit herzlich zur Jubiläumsfeier am 21. Mai im Rahmen unseres 100-jährigen Bestehens ein. ...

Mit großen Augen sah ich von dem Schreiben auf und Herrn Meier an. Das war tatsächlich eine Ehre für ihn. Normalerweise bedeutete es nichts Gutes, wenn man nach Berlin zitiert wurde, aber eine Einladung zu einem Großereignis wie die Jubiläumsfeier zeigte, dass wir nicht in der Bedeutungslosigkeit der Provinz verschwanden. »Das ist toll für Sie ...«, hibbelig hob er die Hand und deutete mir, dass ich weiterlesen sollte.

... Doch nicht nur ihr persönlicher Arbeitseinsatz, sondern auch ihre Personalführung ist bemerkenswert.
Selbstverständlich ist uns nicht entgangen, dass ihre Mitarbeiterin, Franziska Raigen, überaus erfolgreich die Zwangsvollstreckungsabteilung ihrer Zweigstelle leitet. Daher laden wir Frau Raigen ebenfalls zur Gala ein. ...

»Was? Ich?«, platzte es aus mir heraus.
»Frau Raigen, wissen Sie was das bedeutet ...«, fragte er atemlos.
Ich sah direkt in seine funkelnden, brauen Augen, die sich hinter der schwarzen Hornbrille verbargen. Beförderung, schoss es mir unweigerlich durch den Kopf. Die Beförderung, auf die er seit fünf Jahren sehnsuchtsvoll wartete. Und als hätte er meine Gedanken gelesen, nickte er zustimmend. Ich holte tief Luft und las weiter.

... Wir freuen uns daher, sie beide ab 18. Mai in der Berliner Geschäftsstelle zu begrüßen und einige Tage im regen Erfahrungsaustausch mit Ihnen verbringen zu dürfen. Für die Unterkunft in der Zeit vom 17. Mai bis 22. Mai. wurde bereits gesorgt und ein Appartement im MIB reserviert. Wir bitten lediglich um Rückmeldung ihrerseits, damit wir Ihnen die Reservierungsbestätigung zukommen lassen können.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. jur. Joachim Baumisch, CEO Monarch Inc. Zweigniederlassung Deutschland ...

»Die Zimmer sind bereits gebucht?« Was sollte man davon halten?
»Ja Frau Raigen. Ist das nicht großartig. Berlin will uns beide sehen. Uns.«
»Und was, wenn ich im Mai etwas anderes vorhabe?« Ich wusste ja, dass die Berliner Bosse sehr von sich eingenommen waren, doch das war eine Anmaßung. Sie ließen einem gar keine andere Wahl als zuzusagen.
»Frau Raigen, was haben Sie denn vor?«, fragte mich Meier nun süffisant.
»Kurzurlaub«, antwortete ich, bevor ich wirklich darüber nachgedacht hatte.
Herr Meier brach in schallendes Gelächter aus. »Ach Frau Raigen.« Er wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Ich weiß, dass Sie es nicht mögen überrumpelt zu werden.« Nun brauchte er eine Pause, um wieder zu Atem zu kommen. »Aber seien Sie nicht naiv. Die Amerikaner werden auch da sein. Wir wissen beide, dass sich eine solche Chance nur ein einziges Mal im Leben bietet. Davon kann die gesamte Karriere abhängen. Wollen Sie wirklich den Rest Ihres Lebens hier in der Provinz verbringen? Als Sachbearbeiterin für Zwangsvollstreckungen?«
»Ich lebe und arbeite sehr gerne hier.« Trotzig warf ich den Brief auf den Schreibtisch und verschränkte meine Arme. »Abgesehen davon, haben wir laufende Fristen, die eingehalten werden müssen.«
»Nein. So nicht! Kommen Sie mir nicht mit fadenscheinigen Ausreden. Darum kann sich jemand anderes kümmern«, zornig verengten sich seine Augen. »Ich weiß, in letzter Zeit hatten Sie einige schwierige Rückschläge zu verkraften. Aber sich weiter hier zu verstecken und dem Vergangenen nachzutrauern, bringt Sie nicht weiter.«
Seine Worte ließen es abwechselnd heiß und eisigkalt in mir werden, doch bevor ich darauf erwidern konnte, hörte ich ein Räuspern unter der Tür.

Zeitgleich drehten Herr Meier und ich uns um und in der nächsten Sekunde wünschte ich mir, ich hätte im Boden versinken können. Max stand da und blickte verlegen zwischen uns hin und her. Wie lange stand er da? Hatte er mehr als die letzten Gesprächsfetzen mitbekommen? Mein Chef betrachtete ihn mit mehr als unfreundlichem Blick.
»Entschuldigung. Ich wollte nicht stören, aber Fanny ... ich müsste dringend mit dir sprechen.«
Mein Herz hämmerte wild gegen meine Rippen. Ich weiß nicht, was mich in dieser Sekunde mehr aus der Fassung brachte, dass Max - meine Liebe - vor mir stand und mit mir sprechen wollte, oder dass ich mein Herz wieder spürte.
»In einer halben Stunde hat Frau Raigen Mittag, solange können Sie sicherlich noch warten?«, zischte Herr Meier.
Max nickte und ging, während ich noch immer dastand und versuchte meine Fassung zurückzugewinnen. Er wollte mit mir reden. Dringend. Konnte es sein, dass ...? Ich spürte Herrn Meiers Blick auf mir. Es war ein Blick, den ein besorgter Vater seiner Tochter schenkt, wenn er glaubt, dass sie erneut verletzt wird. »Frau Raigen, Sie sollten nicht ...«
Unwillkürlich schnellte meine Hand nach oben und mein Chef stoppte im Satz. Ich wollte die gutgemeinte Belehrung nicht hören. Ich wollte hoffen. Ich wollte träumen. Ich wollte lieben. Ich wollte mein Herz spüren. Ich wollte ein gutes Ende für mich und Max. » Herr Meier, mit Verlaub das geht Sie wirklich nichts an. Ich mache meine Arbeit und das offensichtlich ziemlich gut.« Kopfnickend deutete ich auf das Schreiben aus Berlin.
»Genau, Sie arbeiten. Das ist das Einzige, was Sie tun, seit dieser Kerl Sie wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen hat. Vergessen Sie das nicht. Er hat Sie verlassen, in einer Zeit in der Sie verletzlich waren und ihn am dringendsten gebraucht hätten.«
Schwer schluckte ich den imaginären Kloß in meinem Hals hinunter. Er hatte recht und dennoch weigerte sich in diesem Moment alles in mir, das Ende der Beziehung zu akzeptieren. »Geben Sie Berlin Bescheid, das wir kommen«, lenkte ich ein und hoffte damit, dass er das Thema Max fallen ließ.
Tief atmete er durch, offenbar erleichtert. »Schön. Ich werde mich sofort darum kümmern.« Er wandte sich zum Gehen, hielt auf der Türschwelle nochmals inne, sein Blick war eindringlich und ruhte schwer auf mir. »Aber bitte versprechen Sie mir, die Worte dieses Windhunds genau abzuwägen, bevor Sie sich auf irgendetwas einlassen.«
Ich starrte ihn schweigend an und nickte.

 

Kapitel 2

 

- Fanny -

Passau, 21. April

Mein Herz pochte wie verrückt und ich starrte auf die Uhr. Unbeweglich, als wäre ich eingefroren, wartete ich darauf, dass es endlich zwölf wurde. Ich und Meier waren zur Jubiläumsfeier nach Berlin eingeladen. Fassungslos schüttelte ich meinen Kopf. Wir bei den großen Bossen - das war verrückt! Ich hasste solche Großveranstaltungen.
Allerdings, dass Max mich sprechen wollte, warf mich völlig aus der Bahn. Unweigerlich stieg Hoffnung in mir auf, etwas das ich unbedingt vermeiden wollte und musste. Die letzten Monate waren zu schwer, um jetzt erneut leichtfertig zu hoffen, doch ich war machtlos dagegen.
Als ich das Büro verließ, tanzten die bekannten Schmetterlinge in meinem Bauch. Die Mittagssonne stand hoch am Himmel und trieb viele aus den Büros. Wohlig wärmten ihre Strahlen meinen Rücken durch die dicke Daunenjacke hindurch. Mittlerweile schlug mir das Herz bis zum Hals, suchend blickte ich umher. Wo war nur Max?
Weit und breit keine Spur von ihm. Ich lief einige Schritte hin und her. Ob er überraschend weg musste? Unsicher zog ich mein Handy aus der Jackentasche. Kein Anruf in Abwesenheit. Keine SMS. Okay, er hatte nicht versucht abzusagen. Ich spürte, wie die Hoffnung zu schwinden begann und kämpfte gegen die aufkeimende Enttäuschung an. Ich bin ein Idiot!
Während ich weiter in der Passantenmenge nach Max Ausschau hielt, ging ich einige Schritte die Straße hinunter. Nach kurzer Zeit entdeckte ich meine beste Freundin Margrit in der Menge. Ihre roten Haare leuchteten in der Sonne, wie ein loderndes Feuer. Sie lachte laut und kehlig. Ich muss ihr von Berlin erzählen! »Margrit«, rief ich und winkte, allerdings sah sie mich nicht.
Ich steuerte auf sie zu und als ich fast bei ihr war, sah ich, dass Max neben ihr stand. Er hatte zwei Tüten mit der Aufschrift der Sandwich Oase in der Hand. Hatte er mir etwa mein Lieblingssandwich besorgt? Erneut kippte es in meinem Herzen, jubilierend wich die Enttäuschung der Hoffnung.
Doch kurz bevor ich beide erreichte, legte Max einen Arm um Margrit und zog sie fest an sich. Ich stoppte abrupt und es kippte abermals in meiner Seele. Sie lachten, sahen sich innig in die Augen und in der nächsten Sekunde berührten sich ihre Lippen.
Max und Margrit – ein Paar?! Laut hörte ich, wie mein Herz zersplitterte. Alles begann sich zu verfinstern, die hellen Frühlingsfarben wurden verschlungen von den unterschiedlichen Grautönen bis schließlich die Umgebung in ein entsetzliches schwarz und weiß getaucht wurde.
»Fanny«, drang Max Stimme verzerrt zu mir durch. Ich konnte kaum sein Gesicht erkennen. »Du ... das ...«, stammelte er hilflos und blickte zu Margrit.
»Fanny wir wollen dich nicht verletzen. Das weißt du doch?«, die Stimme meiner Freundin kam mir noch nie so schrill vor. »Es ist einfach passiert.«
»Margrit war für mich da, als du unser Baby verloren hast«, fügte Max kleinlaut hinzu.
Einfach passiert! Sie war für ihn da. Ich hab das Baby verloren, nicht er und nicht wir - sondern ich. Sie starrten mich an und warteten auf eine Reaktion meinerseits. Mir wurde übel, wie betäubt drehte ich mich um und lief davon.


***

Passau, 15. Mai

Mit der Kaffeetasse in der Hand lehnte an der Küchentheke. Die Müdigkeit saß mir wie Blei in den Knochen. Ich nahm einen Zug der dunklen Flüssigkeit und schloss meine Augen.

… Tödliche Gier glotzte mir aus den dunkelbraunen fast schwarzen Augen entgegen. Fest hatten sich riesige klauenartige Hände in meine Oberarme gebohrt. Sie hielten mich an Ort und Stelle. Aus dem weit aufgerissenen Mund näherten sich raubtierhafte Zähne. Blutgetränkter Speichel floss meinen Hals hinab. Es gab kein Entkommen.
Ich schrie aus Leibeskräften, so laut ich konnte, doch kein einziger Ton entkam meiner Kehle. Das Monster über mir lachte mich aus und es genoss meine Angst. Immer dichter und schwerer presste es sich gegen mich und plötzlich verwischten die Grenzen unserer Körper. Ich wurde zu dem Monster. …

Schaudernd riss ich die Lider wieder auf und japste leise. Die Albträume wurden von Tag zu Tag realistischer.
»Guten Morgen Schatz«, meine Mutter kam gerade herein und betrachtete mich besorgt. »Wie hast du geschlafen?«
»Gut Mama«, log ich und setzte das in den letzten zwei Wochen antrainierte Alles-ist-gut-Lächeln auf.
»Wirklich? Du warst in der Nacht lange auf.«
Natürlich hat sie mich gehört, wie ich durch die Wohnung tigerte und alles daran setzte nicht mehr einzuschlafen. »Ich hab wohl gestern zu viel Kaffee getrunken.«
Sie nickte lächelnd und deutete auf die Tasse in meiner Hand. »Ein Teufelskreis.«
»Ja. Das stimmt.«
»Guten Morgen«, flötete mein Vater, als er sich an den Küchentisch setzte. Auch er sah mich besorgt an. »Fanny du solltest dir langsam überlegen ein Solarium zu benutzen. Du bist kreidebleich und deine Augenringe … so wirst du keinen neuen Mann an Land ziehen.«
»Jürgen!«, schimpfte meine Mutter. »Lass unser kleines Mädchen in Ruhe.«
Grummelnd faltete er die Zeitung auseinander. »Ist doch wahr. Wie lange ist die Trennung von Max nun her? Das Leben geht weiter und sie ist auch nicht mehr die Jüngste.«
»Jürgen«, fauchte meine Mutter erneut.
»Papa, du bist mal wieder zu freundlich.« Hastig trank ich meinen Kaffeebecher leer.
»Du sollst ja nicht mit vierzig noch immer bei uns wohnen«, das war ihm ein sehr ernstes Anliegen.
Ich konnte mir ein Augenrollen nicht verkneifen. »Papa, keine Sorge, bis dahin werde ich ausgezogen sein. Sind ja noch elf Jahre hin. Okay? Ich muss los«, ich drückte meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und wandte mich zum Gehen.
»Schatz, du arbeitest zu viel.«
»Mama, ich hab ja jetzt eine Woche um mich in Berlin zu erholen.« Mit einem Seitenblick auf meinen Vater gerichtet fügte ich ironisch hinzu: »Und mir einen Mann zu suchen.« Wenn ich ehrlich zu mir war, konnte ich mir nicht vorstellen, noch einmal so zu lieben, wie ich Max geliebt hatte. In Wahrheit liebte ich ihn noch immer. Erneut spürte ich den Schmerz in meinem Herzen.
»Wer´s glaubt«, rief mein Vater aus und lachte laut auf.
»Hör nicht auf ihn. Wir sind sehr stolz auf dich. Doch du musst auch auf deinen Körper achten und schlafen.«
Sie dachte wirklich, der Stress in der Arbeit ließe mich nicht schlafen. Ich schluckte gegen den Kloß in meinem Hals an. »Das werde ich. Versprochen.«

Rüdiger wartete bereits bei meinem Auto auf mich. Lässig lehnte er an der Karosse, in der einen Hand hielt er einen schwarzen Rucksack und mit der anderen fuhr er sich durch das wirre hellbraune Haar. Ich kannte ihn seit zwölf Jahren und seit dem Debakel mit Max im April hatten wir eine Fahrgemeinschaft gegründet. Leider nur vorübergehend und heute war unser letzter Tag. Es war vielleicht ganz gut, dass ich nächste Woche in Berlin verbrachte.
»Morgen Fanny«, begrüßte er mich und grinste schief.
»Guten Morgen.«
»Du siehst müde aus«, stellte er fest und biss sich in der nächsten Sekunde auf die Lippen.
»Ja ich weiß. Mein Vater hat mich schon darauf hingewiesen, das ihr Männer nicht auf bleiche Haut und Augenringe steht.«
Ungehalten prustete Rüdiger los und unweigerlich steckte mich sein Lachen an. Als er wieder Luft bekam sagte er: »Wo er recht hat«, und zwinkerte mir zu.
»Nicht du auch noch«, grummelte ich vor mich hin.
Sobald wir im Auto saßen, wurde er ernst. »Du hattest wieder Albträume. Stimmt`s?«
»Ja, genauso wie in der vorherigen Nacht und in sämtlichen Nächten der letzten Wochen«, pflaumte ich ihn an.
»Hat das Monster dich wieder getötet?«
Oh er lässt den Hobbypsychiater raushängen. »Nein Dr. Freud«, sein Blick ruhte auf mir, ich schluckte schwer. »Heute Nacht habe ich mich in dieses Ding verwandelt.« Erneut jagte mir die Erinnerung an den Albtraum einen eisigen Schauder über den Rücken.
»Vielleicht solltest du dich doch mit Nadine unterhalten.«
Nadine war seine neue Freundin, ihres Zeichen Psychologiestudentin. »Rüdiger ich werde nicht verrückt. Es sind schließlich nur Träume!«
»Klar, es sind nur Träume. Nur hast du mittlerweile solche Angst davor entwickelt, dass du nicht mehr schlafen kannst. Das ist nicht gesund.«
Tief atmete ich ein und versuchte mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Er hatte recht, Schlafmangel war ungesund, doch ich wollte vor seiner neuen Freundin keinen Seelenstrip hinlegen. »Lass mich darüber nachdenken, okay?«, bat ich ihn, in der Hoffnung damit das Thema zu beenden. »Erstmal fahre ich nächste Woche nach Berlin.«

 

***

 

- Oskar -

New York, 15. Mai

»Mein Herrscher«, tief verbeugte sich Clarissa vor mir. So tief, dass der Ausschnitt ihres Kleides mir freie Sicht auf ihre üppigen Brüste gewährte.
Sie trug ihr schwarzes Haar offen, sodass ihre dicken Locken bis auf die Schultern fielen. Ihre Augen leuchteten in einem satten Grün. Sie hielt meinem Blick stand, ehrfürchtig und erwartungsvoll. Doch ich war nicht in Stimmung. »Steh auf«, befahl ich schroff.
Mein Ton ließ die Vampirin, eine der schönsten im Reich, schwer schlucken, dennoch gehorchte sie. Sie lächelte angestrengt und bot sich mir dar. »Ihr seid heute nicht in bester Stimmung Herr. Vielleicht könnte ich ... wenn Sie erlauben ...«
»Schweig«, fauchte ich und sie schreckte zurück.
Die Bewegung ließ ihre Brüste aufreizend auf und ab wippen. Ich spürte den Durst, das Verlangen und es überwältigte mich. Grob packte ich ihre Handgelenke und zog sie an mich heran. Sie keuchte leise, wagte es jedoch nicht, sich zu wehren oder gar zu verweigern. Ich bezahlte sie dafür, dass ich mit ihr machen konnte, was ich wollte. Fest vergrub ich eine Hand in ihren Haaren und zog ihren Kopf zurück. Nun lag ihr Hals entblößt vor mir und ihre Halsschlagader pulsierte vor Aufregung und Angst. Ah der süße Duft ihrer Angst heizte meinen Durst an und wie von selbst bohrten sich meine Fänge erbarmungslos in ihre weiße Haut.
Clarissas Herz raste und pumpte mir ihr Blut in den Mund. Ich konnte spüren, wie sie zitterte, dennoch entwich kein einziger Laut ihrer Kehle. Obwohl unnötig, verstärkte ich meinen Griff, biss fester zu und saugte schneller das Blut aus ihr. Ihre Augen flatterten, während die Angst darin tanzte. Durst konnte etwas grausames sein und einem den Verstand rauben. Schneller als ich dachte, war die brennende Qual gestillt und ich ließ von ihr ab.
Clarissa taumelte entsetzt rückwärts und kämpfte darum, die Kontrolle über sich selbst zurückzuerlangen. Ein amüsantes Schauspiel. Fahrig strich sie sich durch die Haare und zupfte an ihrem Kleid herum. Es war ihr anzusehen, dass sie nur noch daran dachte, schnell von mir wegzukommen. Jedoch verharrte sie artig an Ort und Stelle und wartete auf meine nächste Entscheidung. Ich muss zugeben, ihre Qual gefiel mir.
Als ich schließlich ein »Verschwinde« zischte, atmete sie erleichtert aus, verneigte sich und hetzte nach draußen.

Ich ließ mich auf meinen Bürostuhl fallen und wollte mich gerade wieder meiner Arbeit widmen, als die Tür aufgerissen wurde.
»Ach Herrgott Oskar, was hast du Clarissa angetan? Das arme Ding«, Julittas Stimme elektrisierte jede einzelne meiner Nervenzellen. Grinsend kam meine Gattin ungebeten in mein Büro und stolzierte auf mich zu.
»Was geht dich das an?«, fauchte ich.
»Uuh wir sind heute aber gut aufgelegt und das obwohl du dich gerade genährt hast.« Missbilligend schüttelte sie den Kopf. »Sollte ich mir Sorgen machen?«, setzte sie süffisant nach.
»Was willst du?«
Nun wedelte sie mit einigen Mappen in ihrer Hand in der Luft herum. »Mein Lieber«, sie ließ ihre Zunge schnalzen und leckte sich anschließend genüsslich über die Lippen. Ganz offensichtlich wollte sie mich reizen. »Nachdem wir ja noch immer keinen Ersatz für Miss Montegrimm gefunden haben, dachte dein Vater es wäre sinnvoll, wenn du dir die Bewerbungen ansiehst. Sie wurden bereits vorsortiert.«
Ihr überheblicher Blick ruhte auf mir, während sie den Stapel auf meinen Schreibtisch fallen ließ. Kreuz und quer landeten die Bewerbungsmappen auf der Tischplatte, ein einziges Durcheinander. Oben auf lag nun ein Anschreiben von der Berliner Niederlassung. Der Deutsche CEO pries darin eine seiner Mitarbeiterinnen an. »Eine Deutsche?«, angewidert verzog ich die Nase.
Julitta lachte auf. »Warum nicht. Die sollen ja sehr loyal sein. Wäre zur Abwechslung nicht die schlechteste Eigenschaft bei unserer Assistentin.«
»Meiner«, bellte ich, während ich weiter blätterte. Auf der nächsten Seite war ein Foto angeheftet. Die unvergleichlich blaugrünen Augen der Deutschen ließen mich für eine Sekunde innehalten.
Ich spürte den Blick meiner Gattin auf mir, sie räusperte sich. »Diese Bewerbung hat einer ihrer Vorgesetzten eingereicht. Wie erbärmlich! Nicht mal genug Courage zu besitzen, sich selbst für die Stelle zu bewerben.«
»Warum ist die Bewerbung dann auf meinem Schreibtisch, wenn die Frau ohnehin nicht zu gebrauchen ist?«
Verkniffen grinste sie nun. »Dein Vater wies darauf hin, dass diese Frau auf der Jubiläumsfeier in Berlin dabei sein wird. Er fand es unklug, sie von vornherein abzulehnen. Du weißt ja, wie die Deutschen sind, vor allem dieser Baumisch kann sich zu einer gewaltigen Nervensäge entwickeln. Und dein Vater will sich den Berlinaufenthalt davon nicht vermiesen lassen.«
»Aufenthalt vermiesen lassen?« Nun hatte sie meine volle Aufmerksamkeit. »Das heißt er kommt mit!«
»Ganz richtig. Dachtest du wirklich, er würde dich die Verhandlungen mit den Deutschen und den Russen alleine führen lassen?«, lauthals lachte Julitta auf.
»Was ist daran so komisch?«, zische ich zähneknirschend.
»Nach allem was du in den letzten Wochen verbockt hast, ist die Entscheidung deines Vaters nur verständlich. Und Oskar, solltest du dich nicht bald bewähren, wird sich Erebos für Nithard als Nachfolger entscheiden.«
»Niemals«, brüllte ich. Niemals würde ich zulassen, dass mein Bruder den Thron bekam. Niemals. Der Thron gehörte mir. »Das hättest du wohl gerne.«
Dämonisch funkelte es in den Augen meiner Gattin auf. »Ich weiß nicht wovon du redest.«
Das war es, es kochte in mir über, ich sprang aus meinem Stuhl auf und stürzte auf Julitta zu. »Du kannst Nithard vögeln so oft du willst, aber den Thron wird er nicht bekommen.« Ich packte sie am Hals und zog sie zu mir. »Königin wirst du nur an meiner Seite«, raunte ich ihr ins Ohr. Ihre grauen Augen sprühten vor Hass. Ja sie hasste mich abgrundtief, wie ich sie. Zumindest darin waren wir uns einig.
»Um drei geht der Flieger«, spie sie mir voller Verachtung ins Gesicht und sobald ich von ihr abließ, stürmte sie zur Tür hinaus.
Ich setzte mich und schob die Bewerbungen zusammen. Erneut fiel mein Blick auf das Foto der deutschen Frau. Sie lächelte freundlich und Hoffnung ließ ihre Augen leuchten. Für einen Menschen hatte sie wirklich faszinierende Augen.

 

Kapitel 3


- Fanny -

Berlin, 17. Mai

»Wir sind gleich da«, riss mich Meiers Stimme aus meinem Halbschlaf. Aufgeregt klopfte er mit seiner Handfläche gegen das Lenkrad. »Da ist es.«
Oh Gott endlich, schoss es mir durch den Kopf. Die letzten sechs Stunden entwickelten sich zu einer Nervenprobe. Mein Chef ging sämtliche Szenarien für seine Beförderung durch und versuchte dabei bescheiden zu wirken. Vergeblich. Ich setzte mich auf und betrachtete die Umgebung. »Ziemlich weit draußen«, stellte ich enttäuscht fest. Irgendwie hatte ich etwas anderes erwartet.
Herr Meier zuckte mit den Schultern. »Sie haben vor einigen Jahren neu gebaut. Hatte ich ganz vergessen. Aber dort drüben ist der Flughafen.«
Langsam lenkte er den Wagen auf den Vorplatz des Gebäudekomplexes. Es war beeindruckend, um nicht zu sagen furchteinflößend. Die Glasfront ragte einige Meter in den Himmel empor und über der Eingangstür stand in dunklen, matten Buchstaben »MONRACH INC«. Als wir ausstiegen, setzte auch bei mir unweigerlich Aufregung ein. Ich konnte mir kaum das Grinsen verkneifen, als ich Meier dabei beobachtete, wie er versuchte lässig das Gebäude zu betreten. Er wollte unbedingt verbergen, wie nervös er wirklich war.
Wir traten aus der Drehtür und standen plötzlich in einer anderen Welt. Links und rechts neben der Tür standen große, in schwarzen Anzügen gekleidete Männer, die von der Statur her auch Preisboxer hätten sein können. Ich schluckte schwer, als ich den Blick des linken Kerls auf mir spürte. Schnell folgte ich Meier.
In der Mitte des riesigen Glasbaus war ein Park angelegt, mit Teich und Bäumen, Büschen und Blumen. Diese Grünanlage teilte das Gebäude. Ich blieb stehen und starrte fassungslos in den Park. Davor stand eine große Tafel mit unzähligen Wegweisern. Es gab hier in diesem Gebäudekomplex Restaurants, Bars, Geschäfte, ein Kino und ganz nebenbei noch die Büros der Kanzlei. Es war tatsächlich auch noch der Weg zu den Wohnungen ausgeschildert. Die Leute arbeiteten und lebten hier! Entgeistert sah ich zu den Männern an der Drehtür und bekam eine Gänsehaut. Um nichts auf dieser Welt wollte ich hier leben und wenn ich ehrlich war, wäre ich am liebsten sofort wieder zurück nach Hause gefahren.
Mein Chef berührte mich sanft am Oberarm und befreite mich aus meiner Starre. Entschlossen steuerte er die Anmeldung an. Die Dame hinter der Theke trug ebenfalls einen schwarzen Hosenanzug und wirkte nicht minder beängstigend wie die Herren an der Tür. »Guten Tag. Willkommen bei Monrach Inc. Berlin. Was kann ich für Sie tun.«
»Hallo«, stammelte Meier. »Mein Name ist Helmut Meier und das ist Fanny Raigen«, kurz drehte er sich zu mir. »Wir sind zur Jubiläumsfeier eingeladen und ...«
Auf dem Gesicht der Frau breitete sich ein Grinsen aus und sie unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Natürlich, Sie werden bereits erwartet. Warten Sie bitte hier.«
Meier nickte und ich ließ meinen Blick durch die Lobby wandern. Immer wieder blieb dieser an dem kleinen Park hängen. Ich war völlig fasziniert davon. Wie hatten sie es bloß geschafft ihn inmitten des imposanten Gebäudekomplexes, eingebettet in Glas, Chrom und Marmor, anzulegen?
»Überall Kameras«, murmelte Meier leise vor sich hin.
»Wie bitte«, fragte ich unsicher nach. Hatte er mit mir geredet?
»Sehen Sie, Frau Raigen«, begann er leise und deutete auf einen Punkt an der Wand vor uns und zog dann weiter zum Nächsten. »Das sind Videokameras. Die komplette Lobby ist videoüberwacht.« Sein Mund verzog sich zu einem spitzbübischen Lächeln. »Machen Sie nur keine falsche Bewegung«, scherzte er.
Nun darauf aufmerksam gemacht worden, suchte ich automatisch nach den Kameras. Meier hatte Recht, die gesamte Lobby war übersät von Überwachungstechnik, sogar in den Bäumen des Parks gab es einige zu entdecken. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass es hier noch einen Winkel gab, der nicht aufgezeichnet wurde.
»Bisschen viel des Guten, oder?«
»Offensichtlich wird sehr viel Wert auf Sicherheit gelegt«, antwortete ich schulterzuckend und fühlte mich zunehmend unbehaglicher.
»Frau Raigen Sie haben Recht.« Gedankenverloren verschränkte Meier seine Arme vor der Brust. »Da fällt mir ein. Ich sollte die Unsere an der Eingangstür mal wieder überprüfen.«
Eine Stille entstand und ich ließ meinen Blick weiter durch die Lobby schweifen. In einiger Entfernung stand eine kleine Gruppe, ebenfalls in dunklen Anzügen gekleideter Männer und eine bildschöne Frau in ihrer Mitte. Unweigerlich zogen sie meinen Blick auf sich und ich gaffte sie alle fasziniert an, während ich gleichzeitig das irrsinnige Bedürfnis hatte, weglaufen zu müssen.
»Herr Meier«, kam ein Mann rufend auf uns zu. Er trug einen hellbeigen Anzug mit weißem Hemd und bildete einen schönen Kontrast zu dem strengen Schwarz um uns herum. »Frau Raigen«, flötete er und grinste mich an wie ein Honigkuchenpferd. »Ich freue mich sehr, Sie beide endlich persönlich kennenzulernen. Ich bin Harald Sommer, Assistent des Leiters der Personalabteilung der deutschen Niederlassung.« Eifrig schüttelten er und Meier sich die Hände.
»Herr Sommer, es ist uns ebenfalls eine Freude«, versicherte Meier.
»Oh bitte nennen Sie mich Harald. Ich bin davon überzeugt, dass wir eine fantastische Woche zusammen verbringen werden.« Haralds blaue Augen sahen mich unverwandt an. »Frau Raigen, Fanny«, er machte eine ausladende Handbewegung. »Wie gefällt ihnen das MIB?«
»Es ist ...«, erneut schaute ich mich um und suchte nach dem passenden Ausdruck. Furchteinflößend, schoss es mir durch den Kopf. »Nett«, antwortete ich schließlich.
»Oh warten Sie nur ab. Das MIB ist eine kleine Stadt für sich. Wir haben hier Ärzte und ein Krankenhaus, einen Kindergarten und im Winter wurde die Grundschule eröffnet. Im hauseigenen Supermarkt können Angestellte von Monrach Inc. verbilligt einkaufen. Wir haben hier alles, was man zum Leben braucht.«
Herr Meier klatschte beeindruckt Beifall und mir lief ein Schauder den Rücken hinab.
»Natürlich sind auch die Mieten hier kaum der Rede wert«, Harald lacht amüsiert auf.
»Sie arbeiten und wohnen hier, in diesem Gebäude?«, fragte ich ungläubig.
»Ja, das ist eines der Anliegen der Monrachs, dass ihre Mitarbeiter gerne für Sie arbeiten und entspannt sind. Was ist entspannender als jederzeit seine Familie sehen zu können. Auch wenn wichtige Fristen anstehen, werden Sie kein Abendessen mehr verpassen. Wir verlieren keine Zeit mit dem Arbeitsweg. Ich will behaupten, dass wir das New Yorker Vorbild sogar noch perfektioniert haben. Der Gebäudekomplex wurde übrigens von Oskar Monrach persönlich entworfen. Und für das Verhältnis unter den Kollegen war der Umzug vor zwei Jahren ebenfalls förderlich.«
»Schwer vorstellbar«, murmelte ich. Wenn ich nur daran dachte mit den Kollegen aus der Passauer Kanzlei zusammenleben zu müssen, verkrampfte sich mein Magen. Ich sah zu Meier hinüber und er machte mittlerweile einen sehr nachdenklichen Eindruck.
»Oh Fanny, ich freue mich darauf, Sie in dieser Woche überzeugen zu dürfen.« Harald lachte und ging weiter zu den Aufzügen. »Ich habe eines der kleineren Familienappartements für Sie reservieren lassen.
Während wir auf den Aufzug warteten, setzte sich die Gruppe in Bewegung und ging auf den Park zu. Harald fing meinen Blick auf. »Das sind die Seniorpartner aus New York«, flüsterte er aufgeregt. »Die Monrachs persönlich. Ist Julitta Monrach nicht bezaubernd? Was sie heute trägt, kann Frau morgen in den Geschäften dort drüben kaufen.« Er zwinkerte mir verschwörerisch zu.
Das hier war mehr als schräg. Dieser Harald kam mir wie ein Verkäufer auf Drogen vor, der krampfhaft versuchte, uns zu überzeugen, ab sofort hier leben zu wollen.

Als die Tür hinter mir ins Schloss fiel und wir Harald für die nächsten Stunden los waren, atmete ich erleichtert aus. Das würde eine sehr lange Woche werden.
»Frau Raigen, sehen Sie nur ...«, rief Meier atemlos aus dem Wohnbereich des Appartements.
Ich stellte meine Reisetasche ab und ging zu ihm. Vor uns breitete sich eine riesige Fensterfront aus, die einen atemberaubenden Blick auf die Skyline von Berlin gewährte.
»Allein dieser Ausblick wäre es Wert hierher zu ziehen. Finden Sie nicht?«, murmelte Meier.
»Ernsthaft?«, skeptisch zog ich meine Stirn in Falten. »Wusste gar nicht, dass Sie so leicht zu kaufen sind«, fügte ich scherzhaft hinzu.
Dafür erntete ich einen bösen Blick von ihm. »Treiben Sie es nicht zu bunt.« Ermahnend hob er den Zeigefinger.
»Wie Sie meinen«, antwortete ich und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Ich geh mal auspacken.« Schnell schnappte ich mir meine Reisetasche und bezog eines der Schlafzimmer.
Die Möbel waren aus dunklem Kirschholz, die Bettwäsche aus grauem Satin und die Vorhänge weiß. Ein Flachbildfernseher stand auf einem kleinen Beistelltisch an der Wand, so dass man gemütlich vom Bett aus fernsehen konnte. Diese unterschwellige Einladung war unwiderstehlich.
Daher stellte ich die Tasche vor den Kleiderschrank ab, griff nach der Fernbedienung und legte mich auf das Bett. Es dauerte nicht lange, bis ich eingedöst war.

… So schnell ich konnte lief ich den endlosen grauen Flur entlang. Ich spürte es mit jedem Schritt näher kommen. Das boshafte Gelächter ging mir durch Mark und Bein und trieb mich weiter voran. Die stampfenden Schritte hallten von den Wänden wie Donner. Sie kamen immer näher und näher. Panisch sah ich zurück und sah ihn gerade um die Ecke biegen. Seine Augen ruhten lüsternd auf mir, die Zähne gefletscht. Blut klebte an seinen Mundwinkeln und an seinen Händen. Der Geruch des Todes erfüllte die Luft.
Mit rasenden Herzen lief ich weiter, um in der nächsten Sekunde gegen etwas zu prallen. Eben noch hinter mir, stand er mit einem Mal vor mir und hielt mich fest. Ich schrie voller Angst und wusste, dass es mir nicht helfen würde. Sterbend wand ich mich in seinem Griff und mein Körper verschmolz mit dem des Monsters.
Tod und noch immer da, gefangen in dem Scheusal selbst, fühlte ich seine Gier, das Verlangen nach Blut und die Lust zu töten. Ein junger Mann kniete vor mir, kreidebleich und zitternd. Todesangst stand in den weit aufgerissenen Augen. »Bitte. Bitte nicht«, bettelte er mich an.
Keine Gnade, kein Mitgefühl für diesen widerlichen Mann. Er hatte mich verärgert und dafür sollte er sterben. Nein, er musste sterben. Ich benutzte die fremden Hände und lachte, ein Lachen, das nicht meines war. Hass, Verachtung durchfluteten mich, als mich das Blut des Mannes besudelte, während ich ihn auseinanderriss. …

Pitschnass schreckte ich hoch. Atemlos kämpfte ich gegen den Nachhall des Grauens in mir an. »Nur ein Traum«, versuchte ich mich zu beruhigen. »Nur ein Traum.«
Und dennoch schwappten dieser Hass und die Verachtung in großen Wellen über mein laut pochendes Herz hinweg. Keuchend kroch ich aus dem Bett. Es dämmerte bereits, ich hatte den ganzen Nachmittag verschlafen. Meine Hände zitterten, als ich die Schlafzimmertür öffnete und in den Wohnbereich ging.
»Frau Raigen, alles in Ordnung?«, fragte Meier, als er mich sah. Er saß gerade auf der großzügigen Wohnlandschaft, vor sich einige Akten ausgebreitet.
Der Geruch seines Aftershaves schwängerte die Luft und mir wurde übel. Widerlicher Mensch, schoss es mir durch den Kopf und tiefste Verachtung nahm mir die Luft. Meine Gedanken schienen nur noch aus Hass zu bestehen. Unwillkürlich ballten sich meine Hände zu Fäusten. Ich wollte ihn töten und konnte kaum den Drang dazu kontrollieren. Mein Blick fiel auf den Messerblock, der neben dem Herd stand. Es wäre so einfach. Automatisch, fast wie in Trance, steuerte ich darauf zu.
Offenbar spürte Meier meine Aversion und sprang alarmiert auf. »Frau Raigen, sagen Sie doch etwas.«
Seine Stimme ließ mich in der Bewegung stocken. Was passierte mit mir? Entsetzt schloss ich die Augen. Raus, ich musste hier raus. Es kostete mich meine ganze Kraft, mich umzudrehen und von ihm wegzugehen. Ich griff nach meiner Jacke und warf die Tür hinter mir zu.

Meine Beine trugen mich durch die grauen Gänge, kopflos rannte ich mal nach links, dann nach rechts. Ohne zu wissen wohin, ohne Ziel. Hauptsache weg von Meier. Weg von dem Appartement. Weg von der Lust zu töten. Irgendwann begann meine Brust zu schmerzen, atemlos lehnte ich mich an die Wand. Ich sah mich um, alles sah gleich aus. Die Orientierung hatte ich längst verloren.
In meiner Jackentasche fand ich mein Handy, auf dem Display leuchtete Rüdigers Nummer auf. Er hatte versucht mich zu erreichen. Tief atmete ich durch, bevor ich ihn zurückrief.
»Hallo.«
»Hey Rüdiger hier ist Fanny«, krächzte ich. »Du hast angerufen?«
»Ja. Wie ist Berlin?«
»Anders«, presste ich gequält hervor.
»Was ist los?«
»Ich glaube, ich werde verrückt.« Meine Stimme zitterte, wie der Rest meines Körpers. »Ich hatte einen Albtraum, den Schlimmsten überhaupt«, es in Worte zu fassen kostete Kraft. Ich stieß mich von der Wand ab und ging weiter.
»Ach Fanny. Du musst dich unbedingt mit Nadine unterhalten. Versprich mir das. ... Erzähl.«
»Das Monster jagte mich«, ein eisiger Schauder liefen meinen Rücken hinab. Wie in dem Traum eben rannte ich nun verloren durch die Gänge.
»Hat er dich erwischt?«
»Ja«, ich stockte. »Ich starb und wurde zu dem Monster.«
Ich hörte Rüdiger tief durchatmen.
»Rüdiger ... da war so viel Hass und Verachtung«, mein Blick fiel auf einen roten Fleck auf dem Fußboden, ich erstarrte. »Ich habe getötet«, flüsterte ich ins Telefon. Der Herzschlag dröhnte in meinen Ohren, als ich den Fleck genauer betrachtete; rot und eingetrocknet. Ich entdeckte eine ganze Spur roter dunkler Flecken, die weiter den Gang hinab führte. Zitternd folgte ich dieser und landete dort, wo mein Albtraum endete.
Wände, Fußboden, die Türen der Aufzüge, alles war von roten, eingetrockneten Spritzern übersät. Der metallische Geruch des vergossenen Blutes hing drückend in der Luft. Ich japste auf. Es war kein Traum. Hier schien tatsächlich jemand ermordet worden zu sein.
»Fanny?«
Das Handy glitt mir aus den Fingern und ich taumelte rückwärts. Eisige Kälte kroch in meine Knochen, ich wirbelte herum und stoppte abrupt wieder. Da stand er, das Monster aus meinen Albträumen, in einem schwarzen Anzug. Er war kein Albtraum, es gab ihn wirklich. Die braunen Augen funkelten bedrohlich, ihr Blick war hart und drohte mich zu verschlingen.

 


***

 

- Oskar -

Berlin, 17. Mai

Es ist immer wieder amüsant, wenn Sieger und Verlierer an einem Tisch zusammenkommen. Obwohl die Schlacht bereits 100 Jahre zurückliegt, konnte ich deutlich den Groll und den Hass des Unterlegenen spüren.
Carsten Burkard, der Verwalter des deutschen Sektors, verneigte sich ergeben und zollte damit meinem Vater augenscheinlich Respekt. Doch als sich unsere Blicke trafen, konnte ich in seinen Augen das Feuer des Widerstandes aufflackern sehen. Genau wie damals. Nach all den Jahren loderte es noch immer tief im Verborgenen und ich war überzeugt davon, dass dies eines Tages meinem Vater zum Verhängnis werden würde. Es stellte sich nur eine Frage: Sollte ich einschreiten oder den Dingen ihren Lauf lassen?

… 100 Jahre früher

Der schwere Geruch des Todes hing in der Luft. Tief einatmend hielt ich den Vampir, den ich soeben besiegt hatte, von mir, meine Hand steckte in seinem Brustkorb und umklammerte sein erbärmliches Herz. Die Angst vor dem Tod ließ seine Augen hervortreten. Stumm flehte er mich um Gnade an. Ich war dafür allerdings nicht in Stimmung. Ein kleiner Ruck und der leblose Körper des Gegners fiel auf die Erde, während sein Herz weiterhin in meiner Hand verweilte.
Das Blut unzähliger Vampire klebte auf mir, es war berauschend. Sie hatten versucht mich zu besiegen und fanden ein schmerzhaftes Ende. Achtlos warf ich das Herz in den Dreck und schritt über die Leichen hinweg. Wachsam suchte ich die Gegend nach weiteren Feiglingen ab, die sich vor mir versteckten.
»Oskar«, hörte ich Nithard nach mir rufen.
Knurrend drehte ich mich zu meinem Bruder um, der in einiger Entfernung auf einem Hügel stand. Er hatte sich nicht am Kampf beteiligt, das war in unserer Familie meine Aufgabe. Ich war der Soldat und er der Hosenscheißer meines Vaters. Da er wie immer unbewaffnet war, hob er seine Hände, um mir zu zeigen, dass er mich nicht angreifen wollte. »Es ist zu Ende. Burkhard hat kapituliert.«
Diese Information war bedauerlich, sehr bedauerlich sogar. Die Schlacht hatte Spaß gemacht und gerne hätte ich noch den einen oder anderen Gegner zurück in die Hölle befördert.
»Kommst du. Vater erwartet dich.«
Ich nickte und folgte ihm schweigend, zu sehr war ich noch in dem Blutrausch gefangen. Ein falsches Wort von Nithard und ich hätte mich vergessen. Das wusste er, daher bliebt er bewusst auf Abstand.

Wir betraten das Zelt, das Erebos als Stützpunkt hatte errichten lassen. Sie standen in der Mitte und Burkhard kniete gefesselt vor ihm. Mehrere Platzwunden zierten das Gesicht des Gefangenen, er blutete und Angstschweiß stand ihm in dicken Perlen auf der Stirn.
»Nun Burkhard«, mein Vater machte eine kleine Pause und betrachtete den Gefangenen belustigt, während er sich eine Falte aus seinem teuren Mantel strich. Im Gegensatz zu mir hatte Erebos sich seine Hände nicht schmutzig gemacht. Mühsam unterdrückte ich das grollende Knurren, dass mir in die Kehle stiegt. »Du stimmst zu, dass der Krieg beendet und euer Kampf gegen mich verloren ist.«
Die Kiefer des Vampirs waren fest aufeinandergepresst, ein Zeichen, dass sein Willen, sein Widerstand noch nicht gebrochen war. Widerwillig nickte er dennoch zustimmend. »Ja, Herr.«
Mein Vater lachte triumphierend auf. »Und du übergibst mir das deutsche Vampirvolk und erkennst mich als euren König an.«
Tief saugte Burkhard die Luft ein, kämpfte mit sich um die Antwort. Ich konnte den Hass, den er für Erebos empfand, deutlich in seinen Augen lesen.
Langsam ging ich geradewegs auf beide Männer zu, Burkhards Augen weiteten sich, als er mich sah und er schreckte leicht zitternd zurück. Nithard schlich wie ein Feigling durch den Schatten am Rand des Zeltes, um an die schützende Seite Erebos zu gelangen. Widerlich.
»Ja«, presste Burkhard schließlich hervor.
Mein Vater klatschte vergnügt. »Und du unterwirfst dich und das deutsche Vampirvolk aus freien Stücken meiner Gerichtsbarkeit und meinem Willen.«
Ich unterdrückte ein Lachen. Burkhard und seine Leute hatten gerade eine Schlacht verloren. Die Hälfte der deutschen Vampire hatte ich mit meiner Armee innerhalb von einer Woche abgeschlachtet. Es war absurd hier von einer Kapitulation aus freien Stücken zu sprechen. Sie hatten gar keine andere Wahl, außer sie wählten den sicheren Tod. Aber das war Vater, er brauchte dieses Geschwätz, um sein Ego zu streicheln.
Meine Augen ruhten auf Burkhard, ich konnte die Angst und Verachtung in seiner Seele riechen. Er biss die Zähne noch fester zusammen und nickte. »Ja, Herr.«
»Sehr gut«, Erebos ging zu dem Tisch und holte die vorbereitete Kapitulationserklärung. Grinsend warf er das Papier und einen Stift vor Burkhard auf den Boden. »Oskar«, bellte er und deutete mir, ich sollte die Fesseln lösen.
Innerlich betete ich, der Kampfgeist würde in Burkhard noch ein einziges Mal aufwallen, als ich das Messer an den Fesseln ansetzte. Doch nichts dergleichen passierte. Er rieb sich lediglich die blutigen Stellen an seinen Handgelenken und fischte nach dem Stift. Seine Hand zitterte, als er unterschrieb und das Schicksal seines Volkes besiegelte. …

»Setzen wir uns«, riss mich die strenge Stimme meines Vaters aus den Erinnerungen zurück ins Hier und Jetzt.
»Gerne«, stimmte der Verwalter lächelnd zu und setzte sich wie befohlen auf einen der Stühle.
Ich nahm gegenüber platz, um Burkhard besser im Auge zu behalten. Mein Vater blieb noch stehen, vermutlich um seinen Hang zur Dramatik auskosten zu können.
»Ich will gleich zur Sache kommen«, begann Erebos. »Die Berichte der letzten Monate waren gelinde gesagt unerfreulich. Ich werde mich in einer Stunde mit dem russischen König Brakov Treffen, um die Situation des Widerstandes und den Vampirlykanern zu erörtern. Also bitte sag mir, wie weit die Widerstandszellen aufgedeckt wurden.« Er taxierte ihn, während er sich nun ebenfalls hinsetzte.
»Die Siedlung des Widerstands an der Ostgrenze wurde vergangenen Donnerstag von einer beauftragten Gruppe Söldner vernichtet, es gibt keine Überlebenden. Der Widerstand ist zerschlagen.« Zufrieden mit sich und den Ausführungen, lehnte sich Burkhard zurück. Log er oder sprach er die Wahrheit?
»So. Tatsächlich.« Wütend schlug mein Vater mit seiner Faust auf den Tisch. »Warum erhielt ich über diese Operation keine Nachricht? Warum erfolgte der Einsatz ohne meine ausdrückliche Zustimmung?«
Tief atmete ich ein und konnte förmlich den Geruch der Lüge in der Luft wahrnehmen. Mit Sicherheit wollte Burkhard etwas verbergen. »Ich will mit den Söldnern sprechen«, schaltete ich mich ein.
Der Blick, den Erebos mir zuwarf, war abwertend, vernichtend. Mein Vater hasste es, wenn ich mich einmischte und ihn unterbrach. Egal, er wusste meine Forderung war berechtigt. Burkhard sah panisch zwischen uns beiden hin und her.
»Ähm ... die sind bereits weiter gezogen. Zu ihrem nächsten Auftrag« stammelte er nervös.
»Dann hol sie her», fauchte ich drohend.
Der Vampir begann zu schwitzen und rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. »Dann muss ich telefonieren«, murmelte er.
Die Augen meines Vaters verengten sich zornig. »Worauf wartest du noch«, bellte er.
Hastig sprang Burkhard von dem Stuhl auf, neigte den Kopf und rannte zur Tür hinaus. Ich war mir sicher, dass er nur Zeit schinden wollte, da er uns nun sitzen ließ. »Die Besprechung ist dann wohl fürs Erste beendet«, stellte ich süffisant fest. »Oder Vater?«
Erebos Blick sprühte vor Zorn, dennoch nickte er. Gleichzeitig standen wir auf und gingen zurück in die Lobby.
Das Zusammensein mit meinem Vater förderte meine Mordlust. Ich brauchte nun ein bisschen Vergnügen. »Ich denke, das wird etwas dauern, bis Burkhard zurückkommt. Du entschuldigst mich?«, und wandte mich um.

Ich streunte einige Zeit gelangweilt durch die leeren Flure des Gebäudes. Die Deutschen hatten tatsächlich meine Entwürfe eins zu eins umgesetzt. Beeindruckend, das musste ich zugeben. Ich bog gerade um die Ecke, als mir ein junger Vampir in die Hände fiel. Er arbeitete offenbar in einem der Restaurants und wollte gerade vollbepackt mit Tischdecken in den Aufzug steigen.
Zeit zum Spielen. »Mein Junge heute ist nicht dein Glückstag«, raunte ich und bleckte die Fänge.
Er drehte sich zu mir und riss entsetzt die Augen auf. »Herr«, er versuchte sich an einer Verbeugung, scheiterte jedoch kläglich.
Der Duft der Angst trat aus jeder einzelnen seiner Poren und er begann zu zittern. Erbärmlich. Dieser Junge hatte es nicht verdient ein Vampir zu sein. Lachend stürzte ich mich auf ihn, meine Schritte hallten von den Wänden wider.
Als ich ihn am Kragen packte, entwich seiner Kehle ein Wimmern. »Lauter«, befahl ich ihm und er schrie aus Leibeskräften. Ah, das war Musik in meinen Ohren.
Donnernd erfüllte sein ängstlicher Herzschlag den Raum und in warmen Wellen durchflutete mich plötzlich der Hauch von Todesangst. Innehaltend sah ich dem Jungen in die Augen. Die Empfindung war nicht meine und doch spürte ich sie intensiv in mir. Es strömte über mich hinweg und ließ nicht eine Faser meines Körpers, meiner Seele, unberührt zurück. Inspirierend, faszinierend.
Ich schloss die Augen, um den Moment zu genießen. Atmete tief ein und glaubte den Duft einer Rose kombiniert mit der Süße von Kirschen in der Nase zu haben. Absolut rein, unschuldig, atemberaubend, wie eine alte Symphonie. Überrascht darüber öffnete ich die Augen, doch sofort war dieser überwältigende Duft weg. Einfach verpufft, als hätte es ihn nie gegeben.
Die Empfindung vermischte sich mit Bedauern und dem Verlangen nach Blut sowie der Gier zu töten. Eine nicht gekannte Kraft entstand in meinen Körper und übernahm die Kontrolle.
Kreidebleich und zitternd wand sich der Junge in meinem Griff, während ich ihn zu Boden zwang. »Bitte. Bitte nicht«, bettelte er.
Widerlicher Feigling, er hatte keinen Überlebenswillen. Er war eine Schande für meine Rasse. Der Tod war noch zu gut für ihn. Voller Hass und Verachtung spuckte ich ihm ins Gesicht, während ich seinen Körper auseinanderriss.

 

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