Kapitel 1

 

Stöhnend rieb sich Riley Jamerson die Stirn. Ver­fluchtes Handy! Er lag erst zehn Minuten im Bett. Die Nacht war lang, daher wollte er nur noch eines: Schlafen. Die Erinnerung an die vergangenen Stunden ließ ihn breit grinsen. Diese hatte er mit zwei Tussis verbracht und eine kleine Party gefeiert, die es in sich hatte. Oh ja! Die beiden wissen genau, wie sie mich auf Touren bringen können. Sein Glied zuckte munter bei dem Gedanken daran.

Das ständige Surren des Handys zerrte schnell an den Nerven. Er sah auf das Display. Die Nummer von John Longhaus leuchtete auf. Scheiße, was will er mitten in der Nacht? Gerade als Riley nach dem Handy griff, um den Telefonterror zu beenden, war der Anruf weg. Die Mailbox war schneller gewesen.

Zufrieden ließ sich Riley zurück ins Kissen fallen und sogleich fielen ihm die Augen zu. Er war gerade dabei einzuschlafen, da begann der Terror erneut. Das Telefon summte unablässig. Genervt rappelte er sich auf und fischte danach. Grollend las er die SMS: Komm sofort zur Werk­statt!

Wütend warf Riley das Handy zu Boden. Der Sack spinnt wohl! Was denkt John, wer ich bin? Schimpfend legte er sich wieder hin. Müdigkeit stellte sich nun allerdings nicht mehr ein. John interessiert mich einen Scheiß! Eine Weile wälzte er sich unruhig von einer Seite auf die andere, schließ­lich stand er angepisst auf. Verflucht! Er griff sich die nach Scotch und Zigaretten stinkende Jeans und machte sich auf den Weg.

Riley fuhr mit dem schwarzen Shelby Mustang durch München, obwohl er alles doppelt sah. Aus dem bis zum Anschlag aufgedrehten Radio dröhnte Heavy Metal, der die Karosserie des Wagens vibrieren ließ. Sein Kopf schmerzte bei jedem Ton, bei jeder einzelnen gesungenen Silbe, was allemal besser war, als betrunken hinter dem Steuer einzu­schlafen.

Verdammte Scheiße! Ich muss den Verstand verloren haben! Zum Glück war um diese Uhrzeit noch nicht viel los. Die Sonne stieg gerade hinter den Hochhäusern auf, ihre ersten Strahlen blendeten ihn, als er auf den Parkplatz von Johns Werkstatt einbog. Durch die Glasfront des Büros, beobachtete Riley den wartenden Freund.

Er sah, dass sich John über die blonden Haare fuhr und wie ein aufgescheuchter Tiger durch den Raum hetzte. Es wirkte völlig verzweifelt auf Riley, ihm wurde allein vom Zusehen übel.

Fuck! Irgendetwas ist passiert. Tief durchatmen und erstmal die Nerven beruhigen. Mechanisch griff Riley nach der Schachtel Zigaretten auf der Ab­lage und zündete sich eine an. Als die Spitze der Kippe verlockend zu glühen begann, ließ er der Sucht freien Lauf. Er sog daran, hielt die Luft an und blies den Rauch genüsslich wieder aus. Erst jetzt konnte er aussteigen, allerdings eilig hatte er es immer noch nicht.. Ich will überhaupt nicht wissen, was los ist!

Riley hatte die Tür noch nicht ganz geöffnet, da hörte er die wütende Stimme seines Freundes. »Verflucht. Riley. Wo zum Teufel steckst du nur?«

»Hey Mann … komm runter«, bellte Riley mit kratzender Stimme. Er fühlte sich angegriffen und in die Defensive gedrängt. Wie er das hasste! »Ich kann auch wieder gehen.«

John hielt inne und starrte Riley empört an. Wenn John unbedingt Ärger haben wollte, konnte er ihn kriegen!

»Du bist ein Arsch, Riley. Weißt du das?« Die Erkenntnis platzte aus John regelrecht heraus.

»Erzähl mir was Neues.«, nun konnte Riley nicht mehr ernst bleiben und lachte los. Um John zu beruhigen, hob er seine Hände. »Ich bin ja jetzt hier.« Er machte eine Pause und musterte John, der scheinbar gerade auf ein Häufchen Elend zusammenschrumpfte. »Was ist los?«

»Du bist ja noch betrunken«, herrschte John ihn erneut an.

Weshalb reizte John ihn heute so? Am liebsten hätte Riley die Faust gegen die Wand ge­schlagen.»Kann sein«, er zuckte gleichgültig die Schultern. »Wie gesagt, ich kann auch wieder gehen.«

John schluckte schwer. Seine Augen wirkten wässrig. Er atmete hektisch, griff nach dem schwarzen Drehstuhl in der Nähe und sackte darauf regelrecht zusammen.

»Mary und David sind heute Nacht mit dem Ret­tungswagen in die Kinderklinik gebracht worden.«

Riley wollte etwas sagen, doch wusste er nicht was. Das Leben ist verflucht ungerecht. Nun hatte Riley das Bedürfnis sich ebenfalls setzen.

»Verdammte Scheiße.«

»Das kannst du Laut sagen, Riley.«

»Und wie geht es David jetzt?«

John schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. Riley hörte ihn leise schluchzen. Den Mann so zu sehen, war eine Qual für ihn. Die Stille, die nun das Büro erfüllte, wurde nur vom Ticken der billigen Wanduhr durchbrochen. Familie macht einen fertig!

»Vielleicht solltest du die Alte und das Balg doch endlich in den Wind schießen«, schlug Riley vor.

John atmete tief ein und sah auf. Seine Augen waren mittlerweile rot und verquollen, doch in ihren Ausdruck lag Entsetzen und Zorn. »Sag mal hast du sie noch alle?«, brüllte John. Die Worte trieften vor Verachtung. Er sprang vom Stuhl hoch und zitterte vor Wut.

Riley presste seine Lippen zusammen, er hatte den Bogen mal wieder überspannt, aller­dings flippte John bislang nicht aus. Er zog eine bedauernde Grimasse. »Tut mir leid. … Ich meinte es nicht so.«

»Lügner!«, schrie John fuchsteufelswild. »du hast es genauso gesagt, wie du es gemeint hast.«

Betretenes Schweigen entstand zwischen den Freunden. Eine mit Wut aufgeladene Stille, die einer Folter glich. Riley schnürte es den Brust­korb zu, er hatte mühe zu atmen und über seinen Rücken schienen hunderte Käfer zu laufen. Nicht auszuhalten. »Was soll ich tun?«, fragte Riley nach einer Weile.

John räusperte sich. Seine Wut war eindeutig noch nicht verflogen. »Die Werkstatt heute alleine schmeißen. Ist das möglich?«, er fischte auf dem Schreibtisch nach ein paar Zettel, während er Riley taxierte. »Es sind heute drei Termine vereinbart. Zwei Herren kommen im Laufe des Vormittags zum Reifen wechseln. Und ein weiterer Kunde, der gestern kurz vor Schluss angerufen hat, heute Nach­mittag, damit wir uns die Bremsen an seinem SUV ansehen …«

Riley sah John dabei zu, wie er die Terminzettel und Telefonnotizen zusammen­suchte. Na toll. Drei Termine über den ganzen Tag verteilt? Das bedeutete, dass er heute seinen Kater, der sich gerade ankündigte, nicht aus­schlafen konnte.

»Und das Kloster hat den Transporter zum Kundendienst angemeldet.«

Riley rollte mit den Augen, ein verächtliches Schnauben entkam ihm. Er verschränkte die Arme vor der Brust. Kloster! Wenn ich dieses Wort schon höre. Die Nonnen und ihr Gehabe trieben ihn regel­mäßig zur Weißglut. Die alten Jungfern, die sich für was Besseres halten, und meinen jeden retten zu müssen.

»Riley«, fuhr John ihn scharf an. »Bitte reiß dich zusammen. Immerhin arbeitest du für mich. Sei daher zur Abwechslung freundlich. Nur ein einziges Mal.«

John erhielt einen Anruf, er nahm sein Handy und sah auf das Display. Schnell holte er sich seine Jacke und war auch schon auf dem Weg. »Bitte versuche es wenigstens …«, rief er Riley im Gehen zu.

Riley grinste zweideutig. Oh und wie ich mich bemühen werde.

 

Kapitel 2

 

Die Sonne kam gerade hinter dem Kirchturm hervor und versprach einen weiteren heißen Sommertag. Schwer ruhte der Arm ihrer Tante auf Katharina Schulmanns Schultern, als sie gemeinsam durch die Pforte des Klosters gingen.

»Du schreibst mir … ja«, forderte Claudia Vornstädt.

Die schwarzen Haare nach hinten zu einem Dutt gebunden, ließen das Gesicht der Wertpapier Brokerin streng, resolut und unnah­bar wirken. Meine Tante ist eine einschüchternde Persönlichkeit. Nicht umsonst setzte sie sich erfolgreich in der von Männern beherrschten Finanzwelt durch. Das strahlte Claudia Vornstädt auch aus. Sie strotzt vor Selbstbewusstsein. Das schwarzweiße, ärmellose Designerkleid umschmeichelte die attraktive, weibliche Figur. Es flatterte bei jeder ihrer graziösen Bewegungen, und die Stöckelschuhe klackerten auf den Fliesen. Wie Steine die gegeneinander geschlagen werden. Ein Laut, der nicht in Katharinas Zuhause passte.

Wir sind wie Tag und Nacht. Schwarz und weiß. Katharina schmunzelte. Sie strich sich über das hochgeschlossene schwarze Kleid aus Baumwolle. Schlicht und einfach. Sie fühlte sich wohl darin. Es zeigte jedem, dass sie zu einer großen Gemeinschaft gehört. Der Orden ist meine Familie. Ich bin nie allein. Sie musste sich morgens keine Gedanken um ihre schulterlangen blonden Locken machen, denn diese verbarg sie unter dem weißen Schleier. Erfolg, das eigene Aussehen, materielle Dinge waren ihr noch nie wichtig gewesen. Sie wollte den Menschen helfen.

»Natürlich, Tante«, Katharina lächelte, was ihr nicht schwerfiel. Im Gegenteil. Tatsächlich war sie erleichtert, dass Claudia Vornstädt heute ab­reiste, denn sie musste sich eingestehen, dass der überraschende Besuch sie aufgewühlt hatte.

Die Novizin begleitete ihre Tante zum Park­platz. Unter den schattenspendenden Bäumen stand der weiße Porsche, den sie gerne ausprobiert hätte. Jedoch ergab sich in den letzten fünf Tagen keine Gelegenheit dazu. Katharina unterdrückte einen Seufzer.

Claudia Vornstädt löste sich von ihr. »So nun«, sie schaute ihr direkt in die Augen und kämpfte sichtlich mit den Tränen. »Du bist dir wirklich sicher, dass du hier bleiben willst?«

Katharina nickte. »Ja.«

»Ich hasse Abschiede«, schluchzte die stolze Karrierefrau. »Auf Wiedersehen.«

»Bis bald. Melde dich, wenn du angekommen bist.«

Sie umarmte ihre Tante ein letztes Mal. Dann stieg Claudia Vornstädt in den Wagen. Katharina ging einige Schritte zurück und winkte zum Ab­schied. Ihr Herz fühlte sich mit jeder Minute ent­lasteter an. Sie atmete auf, als der weiße Flitzer davon brauste, und sah ihrer Tante hinterher, bis der Wagen aus ihrem Sichtfeld verschwand.

Sachte wurde sie an der Schulter angetippt. Katharina drehte sich leicht zusammenzuckend um und blickte in das lächelnde Gesicht von Schwester Eugenie. Die Frau war die gute Laune in persona. Katharina konnte sich nicht erinnern, ihre Novizenmeisterin und mittlerweile beste Freundin jemals schlechtgelaunt gesehen zu haben. Und ihr Noviziat war fast zu Ende.

»Guten Morgen.« Eugenies unverkennbar laute Stimme wirkte belebend, wie eine Tasse mit starkem Kaffee.

»Wünsche ich dir auch.«

»Verlegen wir den Unterricht in den Garten?«, Eugenie betrachtete den wolkenlosen Himmel. »Bei dem herrlichen Wetter ist es doch eine Sünde drinnen zu versauern.« Sie zwinkerte Katharina zu.

Sie beobachtete erstaunt, wie ihre Freundin eine Bibel aus der Tasche an ihrem Kleid zog. Entweder Eugenies Taschen sind riesig oder sie ist eine Hexe. Kopfschüttelnd stimmte Katharina lachend zu. Die Novizenmeisterin hakte sich bei ihr ein und sie schlenderten in den großzügig an­gelegten Klostergarten.

»Ist dir der Abschied schwergefallen?«

Katharina sah Eugenie verdutzt an. »Wieso fragst du?«

»Du bist so still.«

»Nein. Keine Sorge.«

Schweigend gingen sie weiter. Sie hatten keine Eile und ließen sich Zeit ein passendes Plätzchen zu finden. Schließlich wählten sie die alte Eiche in der Mitte des Gartens und machten es sich im Gras bequem. Tief atmete Katharina den warmen, blumigen Geruch des Sommers ein. Der Tag lud dazu ein, die Seele baumeln zu lassen.

Ich brauche keine ausgefallenen Weltreisen. Ich habe hier alles. Sie stützte sich auf ihre Arme und bewunderte still die ausladenden Äste der Eiche.

»Warum glaube ich dir nicht? Jetzt sag schon.«

»Nein. Es ist nur …« Wie soll ich es erklären? »Ach vergiss es.«

Eugenie rollte die Augen. »Los.«

»Ach … Tante Claudias Erzählungen von ihren Reisen wecken … Neid und Fernweh in mir. Dann frage ich mich, … nur für einen kurzen Moment … ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe.«

Eugenies wachsame, braune Augen ruhten auf Katharina. »Weißt du, diese Augenblicke wird es immer geben. Ich empfehle dir, dich darauf zu besinnen, was du mit deinem Leben erreichen willst.«

»Ich will Anderen helfen, so wie ihr mir geholfen habt.«

Eugenie nickte verstehend. »Und jetzt. Zweifelst du jetzt auch noch?«

Katharina lauschte in sich hinein und schüttelte lachend den Kopf. »Nein.«

Eugenie stimmte in ihr Lachen mit ein und der Wind trieb den fröhlichen Klang durch den Garten.

»Ich störe diese Ausgelassenheit nur ungern«, hörten sie die schneidende Stimme der Mutter Oberin hinter ihnen.

Sofort erstarb das Lachen. Katharina ver-schluckte sich. Sie hatte das Gefühl, dass es innerhalb von Sekunden um einige Grad kälter wurde. Durch das plötzliche Auftauchen der strengen Konventvorsteherin hatte sie eine Gänsehaut.

Eugenie stand auf und sah die Äbtissin gelassen an. »Guten Morgen ehrwürdige Mutter, Sie stören uns nicht. Was können wir für Sie tun?«

Die Augen der Äbtissin verengten sich und ihre ineinander gefalteten Hände wirkten ver­krampft. »Johann plagt das Rheuma. Er fällt heute aus«, erklärte die Mutter Oberin verärgert. »Das Problem ist, dass der Transporter zum Kundendienst muss. Da wir den Wagen schnellstmöglich wieder brauchen, ist es unmöglich, den Termin zu verschieben.«

Es gab nicht viele Schwestern, die einen Führerschein hatten. Eugenie war eine davon, ebenso wie Katharina. Auf das Drängen ihrer Tante legte sie die Führerscheinprüfung ab. Offenbar hoffte Claudia Vornstädt darauf, sie mit einem Auto und neu gewonnener Freiheit um­stimmen zu können.

Eugenies Augen begannen zu funkeln. »Mutter Oberin, das ist ja furchtbar. Der arme Johann. Ich würde ja sehr gerne einspringen, jedoch habe ich keine Zeit. Ich habe Frau Zeller vom Waisenhaus versprochen, bis Mittag die gespendeten Spielsachen vorbeizubringen.« Eugenie deutete auf die junge Novizin. »Aber Katharina könnte den Tranporter in die Werk­statt fahren.«

Die Konventvorsteherin musterte Katharina argwöhnisch. Sie bemühte sich nicht, die gehegte Ablehnung zu verstecken. Katharina fühlte sich zunehmend unwohler. Der strenge Blick schien sie regelrecht zu röntgen. Sofort hatte die Novizin das Gefühl, als könnten die eisig grauen Augen der Mutter Oberin, ihr bis auf die Knochen sehen und jeden ihrer Gedanken lesen. »Schwester Katharina, du hast einen Führer­schein?«

Katharina räuspert sich und kam unbeholfen auf die Beine. »Ja, Mutter Oberin.«

Die Äbtissin baute sich zu ihrer gesamten Größe auf, dennoch war Katharina ein paar Zentimeter größer. »Komm mit Kind.«

Katharina traute ihren Ohren nicht. Sollte das bedeuten, dass …? Sie bekam Herzklopfen. Sie konnte es nicht glauben und sah zu Eugenie. Diese grinste triumphierend und zuckte lässig die Schultern.

»Wo bleibst du?«, schimpfte die Mutter Oberin aus einigen Metern Entfernung. Katharina beeilte sich und folgte ihr nach. Sie gingen geradewegs zu den Garagen. Dort wurden sie von dem kranken Johann bereits erwartet.

Bevor sie allerdings bei ihm ankamen, blieb die Äbtissin stehen und musterte Katharina streng. »Katharina, ich möchte, dass du weißt, dass ich Schwester Eugenies Auffassung nicht teile. Du hast weder die Reife noch die Kompetenz. Ich halte es für keine gute Idee, dich mit dem Transporter in die Stadt zu schicken«, die Mutter Oberin atmete durch. »Aber gut. Ich habe keine andere Wahl.« Die Äbtissin erwartete keine Antwort von der Novizin. Sie ließ die Worte zwischen ihnen stehen und ging weiter.

Katharina schluckte. Was habe ich getan, dass die Mutter Oberin so wenig vertrauen in mich hat? Es fiel ihr sehr schwer zu verbergen, dass die harten Worte sie getroffen hatten. Es dämpfte die Freude darauf, dass sie gleich alleine in die Stadt fahren würde. Wild spürte sie ihr Herz pochen und versuchte die unterschiedlichen Gefühle zu ordnen.

»Johann, bringen sie Schwester Katharina bitte die Schlüssel für den Transporter sowie eine Wegbeschreibung zur Werkstatt«, befahl die Mutter Oberin mit schneidender Stimme.

Dieser nickte und ging eilig davon. Ohne seine Rückkehr abzuwarten, ließ die Äbtissin Katharina einfach stehen und ging. Unschlüssig stand Katharina nun da und wartete.

Einige Minuten vergingen, bis der Hausmeister zurückkam. »Hier bitte«, murmelte er und hielt ihr Wagenschlüssel und ein Blattpapier entgegen.

Mit mehr als gemischten Gefühlen nahm sie diese an und stammelte: »Ähm … Danke Johann.«

 

Kapitel 3

 

Die Sommerhitze hatte den angenehm kühlen Morgen verschlungen. Die Welt schien sich ihr zu ergeben und stillzustehen. Große Schweiß-perlen liefen Katharinas Körper hinab, sodass das Kleid schwer und unbehaglich an ihr klebte, wie die Worte der Mutter Oberin. Ich werde sie überraschen. Entschlossen steuerte Katharina den Transporter in Richtung Werkstatt.

Sie hatte gehofft, die Fahrt hinauszögern zu können. Doch die Wegbeschreibung, die der alte Johann ihr mitgegeben hatte, machte es unmöglich sich zu verfahren. Viel zu schnell er­reichte sie die Werkstatt. Sie bog auf dem weit­läufigen Parkplatz ein. Jedoch wirkte alles so leer und verlassen. Es machte auf sie den Eindruck, als wäre der Betrieb heute geschlossen. Kann das sein? War das hier die richtige Firma? Hatten sich Johann oder die Mutter Oberin geirrt? In ihrem Magen grummelte es. Nervös holte sie die Unter­lagen für den Kundendienst aus dem Hand­schuhfach und stieg aus.

Im Büro brannte kein Licht und die Tür war abgeschlossen. Kein Mensch war zu sehen, nur eines der Rolltore zur Werkstatthalle stand offen. Also muss hier irgendwo jemand sein! Katharina drehte sich mehrfach suchend um, bevor sie hin­durchging. Sie fühlte sich in diesem Moment wie ein Eindringling. Das Radio auf der Werkbank an der Wand dudelte vor sich hin und ein Auto stand auf der Hebebühne. Mehrere Reifen lagen wild herum.

Ratlos ging sie einige Schritte und ihr Blick blieb an einem amerikanischen Wagen hängen. Sah nach einem Oldtimer aus. Dieser stand mit geöffneter Motorhaube über einer Grube, darunter klapperte Metall aufeinander und ein Schatten bewegte sich. »Verdammte Dreckskiste …«, fluchte der Schatten.

»Hallo?«, versuchte Katharina auf sich auf­merksam zu machen.

Ein deutlich hörbarer dumpfer Schlag traf den Oldtimer in der Mitte seiner Unterseite. »Verfickter Scheißdreck …«, brüllte es zornig herauf.

Der rauchige, tiefe Laut der Stimme verursachte ein angenehmes Gefühl auf Katharinas Haut. Wie ein Kitzeln, als hätte sie eine laue Brise im Nacken gestreift. Sie hielt an­gespannt die Luft an und starrte auf die Grube. Das Herz hämmerte wild gegen ihre Rippen und ihre Wangen wurden heiß.

Mit schnellen, wütend stampfenden Schritten lief der Schatten unter dem Wagen entlang. Die Blechleiter knarrte drohend unter dessen Gewicht. Katharina sah gebannt zu, wie aus dem Schatten ein großer mit Muskeln bepackter Mann in einer blauen, ölverschmierten Latzhose wurde. Erstaunt darüber, dass er kein Hemd unter dem Latz trug, konnte sie den Blick nicht von der gut trainierten, breiten Brustmuskulatur des Fremden nehmen.

Sein Körper war schmierig von Öl und Schweiß, selbst der geschorene Kopf schien zu glänzen. Seine grünen Augen fixierten Sie, ließen sie nicht los, als wollte er sie mit diesem Blick ausziehen, um ihr bis auf den Grund ihrer Seele zu schauen.

Sie fühlte sich mehr als unbehaglich, wie er sie so von oben bis unten musterte und sich seine langen Finger an einem dreckigen Lappen ab­wischte. Seine Miene versteinerte und sein Blick wurde ablehnend. Weshalb? Sie hatte das Gefühl, als möchte er sie am liebsten sofort rausschmeißen. Sollte ich wieder gehen? Für einen Moment haderte sie mit sich. Das ist doch lächerlich. Tief atmete sie durch und reckte ihm ihr Kinn entgegen. Von ihm werde ich mich nicht einschüchtern lassen. »Hallo«, grüßte sie erneut und lächelte freundlich.

»Was wollen Sie?«, bellte er verachtend.

Na gut, unfreundlich kann ich auch! Unwillkürlich zog Katharina ihre Stirn in Falten. »Unser Transporter«, sie klang verärgert. »Ist heute bei Ihnen zum Kundendienst angemeldet«, sie deutete in Richtung des Parkplatzes.

Wütend grunzte der Kerl vor ihr. Was hat er für ein Problem? Unverschämtheit! »Soll ich ihn hereinfahren?« Ohne eine Antwort ließ der unge­hobelte Kerl sie einfach stehen und ging nach draußen.

***

Rileys Kopf schmerzte höllisch und die Stelle, an der er sich seinen Schädel angeschlagen hatte, pulsierte. Verflucht. Er war überzeugt jeden Moment, würde seine Haut aufplatzen und all sein Zorn auf die Gestalt vor ihm niedergehen. Wütend betrachtete er sie näher. Dieses Gesicht. Diese Augen. Plötzlich überfiel ihn eine Eiseskälte. Mit ihrer blassen Haut sah sie aus wie ein Engel. Bildschön. Die blaugrünen Augen, tief wie der Pazifische Ozean, zogen ihn in ihren Bann. Kann das denn sein?

Er betrachtete sie genauer. Das schwarze Kleid, darunter ein weißes, langärmliges Hemd. Dazu der weiße Baumwollschleier, der ihre Haare verbarg. Die Ordenstracht lag über ihren Körper wie ein verschissener Kartoffelsack. Ver­dammt! Bei dieser Hitze musste sie darin doch zerfließen? Es ärgerte ihn wahnsinnig, dass er die Form des Darunterliegenden nicht mal erahnen konnte. Seine Augen durften nur ihre grazilen Hände und ihre schlanke Gestalt bewerten. Immer wieder wanderte sein Blick zurück zu ihren Augen. Sie zogen ihn magisch in ihre Tiefe, so dass er glaubte, er müsste darin ertrinken. Was wollte sie hier? Wieso heute?

Ihre vollen Lippen lockten ihn sofort. Hatten sie schon jemals einen Mann geküsst? Diese schlichte Natürlichkeit überwältigte ihn. Instinktiv ging er in seinen Abwehrmodus über und raunzte sie an. Dass sie sich davon nicht beeindrucken ließ, reizte ihn noch mehr. Wer zur Hölle ist sie? Ist sie es wirklich? Es schien, als würde seine rechte Hosentasche, in der er ein Foto dabei hatte, Feuer fangen und lichterloh sein Geheimnis in die Welt hinaus schreien.

Als letzte Rettung eilte er nach draußen auf den Parkplatz. Sie sagte doch was, von wegen Kundendienst bei einem Transporter. Er musste auch gar nicht lange suchen. Nur leider folgte sie ihm auf dem Fuße und er hörte ihre schnellen Atemzüge hinter sich. Zum Teufel kann sie nicht einfach verschwinden? »Verdammte Scheiße.«

»Ist es so schlimm?«, hörte er ihre sanfte Stimme.

Schlimm? Er schloss seine Augen, ja um ihn stand es wirklich schlecht. Er hätte in diesem Moment seine Seele an den Teufel verkauft, für eine Flasche Scotch. Sein Mund wurde ganz trocken und seine Hände begannen zu zittern. Sie muss verschwinden.

»Wenn er fertig ist, rufen wir an«, murmelte er und öffnete die Fahrertür.

Sie räusperte sich. Scharf die Luft einziehend drehte sich Riley zu ihr um, er legte alle Verachtung, die er aufbringen konnte in seinen Blick. Sie biss sich auf die Lippen und reichte ihm stumm den Autoschlüssel. Im selben Moment frischte der Wind auf und trieb eine leichte Brise ihres Duftes, nach frischen Rosen, zu ihm. Es umfing ihn und er wollte sie mehr als alles andere auf der Welt. Sie ist eine Haubenlerche! Ne verschissene Jungfer. Niemals würde er sie haben können. Er knurrte leise und schnaubte verärgert.

Grober als gewollt entriss er ihr den Schlüssel, sodass sie einige Schritte rückwärts taumelte. Er stieg in den Transporter und fuhr in die Werk­statthalle hinein. Es war ihm egal, was aus ihr wurde, wie sie zurück ins Kloster - oder weiß der Teufel wohin - kam. Hauptsache sie verschwand endlich.

 

 

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